Gesundheitswesen 2015; 77(01): 24-30
DOI: 10.1055/s-0033-1364018
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Erreichbarkeit von Organkrebszentren: Existiert bereits ein flächendeckendes Angebot in Deutschland?

Accessibility of Organ Cancer Centres: Is there already Nation-Wide Coverage in Germany?
D. Lewers
1   Institut für Gesundheitssystemforschung, Universität Witten/Herdecke
,
M. Geraedts
1   Institut für Gesundheitssystemforschung, Universität Witten/Herdecke
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
24. Februar 2014 (online)

Zusammenfassung

Einleitung:

Seit mehreren Jahren etablieren Gesundheitsanbieter und Gesundheitspolitik zertifizierte Behandlungszentren für Krebserkrankungen. Obwohl die Zertifizierung gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, wird eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung in zertifizierten Zentren für alle Patienten mit Krebserkrankungen gefordert. Im Zentrum der Analyse steht die Leitfrage, ob für die häufigsten Krebserkrankungen von Frauen und Männern bereits flächendeckende Versorgungsstrukturen in zertifizierten Zentren angeboten werden.

Methode:

In Anlehnung an das Zentrale-Orte-Konzept wurde „Flächendeckung“ als Erreichbarkeit innerhalb von 30 min PKW-Fahrzeit für>90% der Bevölkerung definiert. Über ein softwaregestütztes Routensuchverfahren wurden um sämtliche Brust- und Prostatakarzinomzentren 30- und 60-Minuten-Fahrzeitzonen berechnet. Anschließend wurden die Bevölkerungsanteile je 5-stelligem Postleitzahl-Gebiet innerhalb der definierten Fahrzeitzonen aggregiert und denen gegenübergestellt, die außerhalb des Radius liegen. Die Ergebnisse werden in kartografischen Darstellungen verdeutlicht.

Ergebnisse:

Bundesweit erreichen 84% der weiblichen Bevölkerung über 18 Jahre das nächste Brustzentrum innerhalb von 30 min Fahrzeit. Insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg existieren viele Gebiete, in denen keine Flächendeckung vorliegt. Bei einer Erhöhung des Fahrzeitradius auf 60 min steigt die Erreichbarkeitsquote auf 99%. Prostatakarzinomzentren werden innerhalb von einer halben Stunde Fahrzeit von 56% der männlichen Bevölkerung erreicht, wobei wiederum insbesondere in Ostdeutschland die größten Probleme bei der Flächendeckung festzustellen sind. Innerhalb des 60 min Radius erhöht sich die Erreichbarkeit von Prostatakarzinomzentren auf 94%.

Schlussfolgerung:

Eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung durch zertifizierte Organkrebszentren wird in einigen Regionen Deutschlands nicht gewährleistet. Gleichwohl muss bedacht werden, dass die Flächendeckung nicht als einziges Ziel der Gesundheitspolitik verfolgt werden kann, sondern das gesamte Zielbündel aus Patienten-, Gesundheits- und Gerechtigkeitsinteressen, wirtschaftlicher Leistungserbringung und ausreichenden Finanzierungsmöglichkeiten berücksichtigt werden muss.

Abstract

Introduction:

For several years, health care providers and health policy have been establishing certified cancer treatment centres. Although certification is not required by law, a comprehensive and close to home medical care in certified centres is required for all patients with cancer. We analysed whether Germany already provides a spatially inclusive and comprehensive supply with certified centres for the most common cancers for women and men.

Methods:

Based on the central place concept “coverage” is defined as accessibility within 30 min by car for over 90% of the population. Using a software-supported route searching procedure we calculated 30- and 60-minutes-driving time zones around all breast and prostate cancre centers. We aggregated the population shares of all 5 digit postcode areas within the defined driving time zone and compared these areas to those outside the radius. The results are depicted as cartographic information.

Results:

Nationwide 84% of the female populations over 18 years can reach the next breast centre within 30 min by car. In particular in the states of Mecklenburg-Western Pomerania and Brandenburg several areas do not provide sufficient access to breast centres. Using a travel time threshold of 60 min leads to an accessibility rate of 99%. 56% of the male population have access to a prostate cancer centre within half an hour by car. Again, the biggest coverage problems exist especially in eastern Germany. Within a radius of 60 min, the accessibility of prostate cancer centres increases to 94%.

Conclusion:

In Germany, some regions do not provide a spatially inclusive and comprehensive supply with organ cancer centers. However, it must be remembered that comprehensive access to care cannot be pursued as the only goal of health policy. Instead, the trade-off between justice, health and patients’ interests and economic performance and adequate funding must be considered.