Aktuel Ernahrungsmed 2019; 44(02): 142-143
DOI: 10.1055/s-0039-1684912
7) Klinische Ernährungsmedizin II: Adipositas, metabolisches Syndrom
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Vergleich der psychischen Verfassung von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen nach sozioökonomischem Status der Eltern am Beispiel des Adipositas-Interventionsprogrammes KLAKS in Leipzig

C Bunzel
1  Bachelor-Studiengang Diätetik, Hochschule Neubrandenburg
,
S Ramminger
1  Bachelor-Studiengang Diätetik, Hochschule Neubrandenburg
,
A Wagner
2  KLAKS e.V. Leipzig
,
L Valentini
1  Bachelor-Studiengang Diätetik, Hochschule Neubrandenburg
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
26 April 2019 (online)

 

Hintergrund:

Übergewicht bei Minderjährigen wird nach Kromeyer-Hausschild et al. mit einer Body Mass Index (BMI)-Perzentile von 90 und mehr definiert. Übergewichtige Kinder leiden häufig an psychischen Auffälligkeiten [1]. Es gibt Hinweise, dass der sozioökonomische Status (SÖS) einen zusätzlichen Einfluss auf die psychische Verfassung von Übergewichtigen ausüben könnte. Ziel dieser retrospektiven Untersuchung war es, den SÖS aller minderjährigen TeilnehmerInnen des Adipositas-Interventionsprogrammes des KLAKS e.V. in Leipzig für den Zeitraum von 2009 bis 2017 zu klassifizieren und mit der dokumentierten psychischen Verfassung der Teilnehmenden gegenüberzustellen.

Methode:

Die Datenerhebung erfolgte von Mai-September 2018. Inkludiert wurden die Daten von 207 übergewichtigen Kindern und Jugendlichen (BMI Perzentile: 98 ± 2, Alter: 12 ± 2 [7 – 17] Jahre; 49% weiblich). SÖS wurde mittels des „Kinder- und Jugendgesundheitssurvey Punktesystems“ [2] operationalisiert, welches die höchste schulische Qualifikation der Eltern, den höchsten Berufsabschluss und das Netto-Äquivalenzeinkommen umfasst. Die Teilnehmenden wurden in 3 Gruppen mit niedrigerem (1.-2. Quintil), mittlerem (3. Quintil), und höherem (4.-5. Quintil) SÖS eingeteilt. Im Interventionszeitraum wurde die Fremdeinschätzung der Psyche von einem/r ausgebildeten PsychologIn anhand der ABCD Checkliste [3] durchgeführt, wobei A für keine Auffälligkeiten und D für schwerwiegende Auffälligkeiten stand. Zusätzlich lagen Daten zur subjektiven Selbsteinschätzung der psychischen Verfassung vor. Die Beantwortung erfolgte über verschiedenlange Fragenkomplexe anhand von Likertskalen.

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Abb. 1: Prozentuale Aufteilung der Fremdeinschätzung der psychischen Verfassung nach Auffälligkeitsstufen im Vergleich niedrigem versus hohem sozioökonomischen Status der Eltern

Tab. 1:

Selbsteinschätzung der Psyche: niedrigerer vs. höherer sozioökonomischer Status

Themenorientierte Fragenkomplexe

Punktsummenscore (MW ± SD)

niedrigerer SÖS vs. höherer SÖS

p – Wert 1

Seelisches Wohlbefinden

(n = 104 vs. n = 58)

15 ± 3 vs. 16 ± 2

0,010

Körperliches Wohlbefinden

(n = 103 vs. n = 57)

13 ± 3 vs. 15 ± 3

0,009

Familiäre Situation

(n = 103 vs. n = 58)

16 ± 3 vs. 17 ± 3

< 0,001

Situation im Schulalltag

(n = 100 vs. n = 57)

14 ± 3 vs. 15 ± 4

0,003

Freundschaftliche Situation

(n = 100 vs. n = 57)

14 ± 3 vs. 15 ± 3

0,001

Selbstliebe

(n = 104 vs. n = 58)

16 ± 4 vs. 18 ± 4

0,014

Selbstwertgefühl

(n = 104 vs. n = 58)

11 ± 4 vs. 13 ± 4

0,006

Essstörungsrisiko

(n = 91 vs. n = 46)

19 ± 5 vs. 17 ± 5

0,051

1 Mann-Whitney-U-Test

SÖS = sozioökonomischer Status

MW ± SD = Mittelwert ± Standardabweichung

Ergebnisse:

Von den 207 Teilnehmenden hatten 109 (52%) einen niedrigeren, 38 (18%) einen mittleren und 60 (30%) einen höheren SÖS. Die psychologische Fremdeinschätzung ergab eine signifikant höhere Prävalenz von Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen mit niedrigerem SÖS verglichen mit höherem SÖS (p = 0,021, Abb. 1). Bei der Selbsteinschätzung von Wohlbefinden, psychosozialen Strukturen und Selbstbild wurden bei Minderjährigen mit niedrigerem SÖS im Vergleich zu höherem SÖS konsistent negativere Ergebnisse erzielt (Tab. 1). Teilnehmende Kinder und Jugendliche mit niedrigerem SÖS zeigten tendenziell einen höheren Anteil an verminderter Motivation am Programm teilzunehmen (gar nicht – mittel: SÖS↓:33% vs. SÖS↑:13%; p = 0,056), sowie einer geringeren Umsetzungsmotivation eines gesundheitsfördernden Lebensstils (SÖS↓:39 ± 7 vs. SÖS↑:42 ± 8; p = 0,022).

Schlussfolgerung:

Wie angenommen, zeigt SÖS konsistent eine Auswirkung auf die psychische Verfassung von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen.

Literatur:

[1] Vila G et al. Psychosomatic Medicine; 2004. 66(3):387 – 94.

[2] Lampert T et al. Bundesgesundheitsblatt; 2014. 57:762 – 70.

[3] Wiegand S. Bern: Huber; 2010.