Aktuel Ernahrungsmed 2016; 41(05): 352-358
DOI: 10.1055/s-0042-116657
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Ergebnisse der Einführung eines allgemeinen „Screening auf Mangelernährung“ in einem großen Versorgungskrankenhaus

Results of “Screening for Malnutrition” in a Major Community Hospital
J. Aust
1  Abteilung Klinische Ernährung der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie
,
A. Werner
1  Abteilung Klinische Ernährung der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie
,
G. Grünewald
2  Pflegedienstleitung
,
D. Haberzettl
1  Abteilung Klinische Ernährung der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie
,
A. Herbst
3  Medizincontrolling
,
M. Fedders
4  Krankenhausapotheke, Klinikum St. Georg gGmbH Leipzig
,
A. Weimann
1  Abteilung Klinische Ernährung der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie
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Publication History

Publication Date:
07 November 2016 (online)

Zusammenfassung

Einleitung: Ein Screening auf Mangelernährung bei der stationären Aufnahme im Krankenhaus wird schon seit 2003 vom Europarat gefordert, ist jedoch in Deutschland bisher nur wenig verbreitet. In der vorliegenden Studie werden die ersten Ergebnisse der Implementierung eines allgemeinen Screenings auf Mangelernährung in einem großen Versorgungskrankenhaus vorgestellt.

Patienten und Methoden: Vom 1.10.2009 bis 31.3.2010 wurde im Klinikum St. Georg Leipzig im Zeitraum von 6 Monaten prospektiv die Einführung eines Screenings auf Mangelernährung evaluiert. Nicht eingeschlossen waren primär intensivmedizinisch behandlungspflichtige sowie pädiatrische Patienten und Brandverletzte. Als Screeninginstrument wurde der Nutritional Risk Score (NRS) 2002 eingesetzt. Im Screening auffällige Patienten wurden weitergehend ernährungsmedizinisch und anthropometrisch mittels bioelektrischer Impedanzanalyse (BIA) untersucht. Im Untersuchungszeitraum wurden 18 777 Patienten stationär aufgenommen.

Ergebnisse: Durch das Präscreening wurden 3532 Patienten (18,8 %) als Risikopatienten eingestuft. Nur 1660 Patienten des Risikokollektivs (47,0 %) wurden weiter untersucht. Von diesen wurden 354 Fälle (21,3 %) als manifest mangelernährt klassifiziert. Die extrapolierten Ergebnisse ergeben auf das Gesamtkollektiv gerechnet einen Anteil von 4,0 % Patienten mit manifester Mangelernährung. Das durchschnittliche Alter der manifest mangelernährten Patienten lag bei 67,3 ± 17,2 Jahren. Der durchschnittliche NRS-Score betrug in der Subgruppe der Mangelernährten 3,6 ± 0,7 Punkte, der Körpermassenindex (BMI) 18,9 ± 2,4 kg/m² und der Phasenwinkel 3,9 ± 1,4°. Die Krankenhausletalität der mangelernährten Patienten betrug 8,2 %. Fälle von Mangelernährten mit einem Phasenwinkel < 3 wiesen eine signifikant erhöhte Letalität von 17,0 % auf. 58,2 % der mangelernährten Patienten hatten eine längere Verweildauer als die im DRG-System vorgegebene mittlere Verweildauer. Bei der Kodierung der ernährungsmedizinischen Diagnosen in der Internationalen Krankheitsklassifikation (ICD) E46 und R64 ließ sich im G-DRG-System 2009/2010 und 2015 eine Erlössteigerung erzielen.

Schlussfolgerung: Basierend auf unseren Screeningdaten im unselektionierten Aufnahmekollektiv eines Krankenhauses der Schwerpunktversorgung ist davon auszugehen, dass jeder 20. Patient manifest mangelernährt ist und jeder 5. Patient als Risikopatient zu gelten hat. Mit der Implementierung eines allgemeinen ernährungsmedizinischen Screenings, einschließlich Assessment (BIA etc.), lassen sich Risikopatienten für einen verlängerten Krankenhausaufenthalt und eine erhöhte Krankenhausletalität identifizieren.

Abstract

Introduction: Malnutrition screening on hospital admission has been promoted by the European Council since 2003. However, so far in Germany general implementation has not yet been started. This study presents first results of a general screening in a major community hospital.

Patient and Methods: On admission to the hospital St. George in Leipzig, Germany, from October 1 in 2009 until March 31 in 2010 malnutrition screening using the Nutritional Risk Score (NRS) 2002 was introduced and prospectively evaluated. Intensive care and burn patients as well as children were not included. Patients at risk after prescreening underwent nutritional assessment including bioelectrical impedance analysis (BIA). 18.777 patients were admitted to the hospital during that period.

Results: Prescreening identified 3532 (18.9 %) at risk for malnutrition. Only 1660 Patienten underwent nutritional assessment. In 354 patients (21.5 %) severe nutritional risk was diagnosed. Mean age of the severely malnourished patients was 67.3 ± 17.2 years. Mean NRS-score was 3.6 ± 0.7 points. Mean body mass index (BMI) was 18.9 ± 2.4 kg/m², and the mean phase angle according to BIA was 3.9 ± 1.4°. Hospital mortality rate was 8.2 % in malnourished patients, and in patients with a phase angle < 3° significantly inceased (17.0 %). Malnourished patients stayed longer in hospital than the mean hospital stay foreseen in the German DRG system. Coding of the International Classification of Diseases (ICD) E46 and R64 led to an increase of reimbursement in the G-DRG-System 2010 and 2015.

Conclusion: Without selecting special groups of patients on admission to a German major community hospital one in five patients may be considered at risk for malnutrition and one in 20 as severely malnourished. By implementing nutritional risk screening and assessment including BIA, identification of patients at risk for prolonged hospital stay and hospital mortality will be established.