Laryngorhinootologie 2017; 96(05): 299-305
DOI: 10.1055/s-0042-117643
Originalie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Standardisierte Gerinnungsanamnese vor Tonsillektomie und Adenotomie im Kindesalter

Using a Standardized Questionnaire for Coagulation Assessment in Children Undergoing Tonsillectomy
Angela Wenzel
1   Universitäts-HNO-Klinik, Universitätsmedizin Mannheim
,
Maren Königstein
1   Universitäts-HNO-Klinik, Universitätsmedizin Mannheim
,
Karl Hörmann
1   Universitäts-HNO-Klinik, Universitätsmedizin Mannheim
,
Claudia Umbreit
2   Klinik für Hals Nasen Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Jena
,
Dorotheea Cazan
1   Universitäts-HNO-Klinik, Universitätsmedizin Mannheim
,
Ute Walliczek-Dworschak
3   Hals-Nasen-Ohrenklinik, Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Marburg
,
Boris A. Stuck
4   Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Essen
› Institutsangaben
Weitere Informationen

Publikationsverlauf

eingereicht 01. August 2016

akzeptiert  04. September 2016

Publikationsdatum:
10. November 2016 (online)

Zusammenfassung

Einleitung Im Jahr 2006 wurde eine interdisziplinäre Stellungnahme zur präoperativen Gerinnungsdiagnostik bei Kindern vor einer Tonsillektomie/Adenotomie (TE/AT) veröffentlicht. Diese empfiehlt, auf die präoperative „Routinegerinnung“ zu verzichten und stattdessen einen standardisierten Fragebogen zur Abklärung einer Blutungsneigung zu verwenden. Ziel der vorliegenden Studie war es zu überprüfen, ob es nach der Umsetzung der Empfehlung zu einer Veränderung der Nachblutungsrate gekommen ist.

Methoden Mittels einer retrospektiven Datenanalyse der Jahre 2003 und 2009 wurde die Inzidenz von Nachblutungen bei Kindern nach TE, AT und kombinierter ATE untersucht. Während 2003 nur eine freie Anamnese durchgeführt wurde und in Teilen eine Routinegerinnung vorlag, wurden 2009 alle Kinder durch den standardisierten Fragebogen gescreent und im Verdachtsfall eine umfassende Gerinnungsdiagnostik vorgenommen.

Ergebnisse 2003 wurden 352 Kinder operiert, in 25 Fällen (7,1%) kam es zu Nachblutungen, wovon 18 (6,1%) revidiert werden mussten. 2009 wurden 293 Kinder operiert, 20 (6,8%) Kinder erlitten eine Nachblutung, 14 (4,7%) wurden operativ revidiert. Ein statistisch signifikanter Unterschied in der Nachblutungsrate zwischen beiden Kollektiven zeigte sich nicht. Bei 5 der Kinder, die 2003 nachgeblutet hatten, lag präoperativ ein Gerinnungslabor vor, das in allen Fällen unauffällig war. Auch alle postoperativ durchgeführten Gerinnungsuntersuchungen, die im Anschluss an die Nachblutungen in beiden Gruppen durchgeführt wurden, waren unauffällig.

Schlussfolgerung Die Anwendung des standardisierten Fragebogens unter Verzicht auf eine Routinegerinnung führt nicht zu einer nachweisbaren Veränderung der Nachblutungsrate nach TE/AT. Die Ergebnisse bestätigen darüber hinaus, dass Nachblutungen nach TE/AT in aller Regel nicht Ausdruck einer kompromittierten Blutgerinnung sind.

Abstract

Introduction A 2006 position paper suggests assessing coagulation status via a standardized questionnaire instead of performing routine coagulation testing for children undergoing tonsillectomy/adenotomy. The aim of the presented study was to evaluate whether this paradigm change led to a change in the incidence of secondary bleeding.

Methods Descriptive statistical analysis of existing clinical data was performed to evaluate the incidence and characteristics of secondary bleeding in children after tonsillectomy/adenotomy in 2003 vs. 2009.

Result In 2003, 352 children underwent surgery. Secondary bleeding occurred in 25 cases (7.1%), 18, (6.1%) of which required surgical treatment. In 2009, 20 out of 293 children who had undergone tonsillectomy/adenotomy suffered from secondary bleeding, 14 required (4.7%) surgical treatment. There was no significant difference in the incidence of bleeding between those years. In 5 children who suffered from secondary bleeding in 2003, preoperative diagnostic blood coagulation testing was performed, none of them showed abnormal results. Furthermore, none of the diagnostic blood coagulation tests performed after secondary bleeding in both groups showed any abnormalities.

Conclusion Using a standardized questionnaire instead of a diagnostic blood coagulation testing for preoperative coagulation assessment does not have an influence on the incidence of secondary bleeding after tonsillectomy/adenotomy. The results of this study suggest that secondary bleeding is not is not caused by abnormal hemostasis.