Gesundheitswesen 2025; 87(S 01): S65
DOI: 10.1055/s-0045-1802020
Abstracts │ BVÖGD, BZÖG, DGÖG, LGL
02.04.2025
Impfen
10:30 – 12:00

Impfkommunikation: Empathischer Umgang mit Falschinformationen

F Taubert
1   Institute for Planetary Health Behavior, Health Communication, University of Erfurt, Erfurt
2   Implementation Research, Health Communication Working Group, Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine, University of Hamburg, Hamburg
,
C Betsch
1   Institute for Planetary Health Behavior, Health Communication, University of Erfurt, Erfurt
2   Implementation Research, Health Communication Working Group, Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine, University of Hamburg, Hamburg
› Author Affiliations
 

Bereits 2019 klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Impfmüdigkeit als eine globale Gesundheitsbedrohung. Impfmüdigkeit (vaccine hesitancy) bezeichnet die Verzögerung oder Ablehnung von Impfungen trotz ihrer Verfügbarkeit. Aktuelle Berichte des RKI zeigen, dass auch in Deutschland die angestrebten Impfquoten sowohl bei Kinder- als auch Erwachsenenimpfungen nicht erreicht werden (Robert Koch Institut, 2022).

Falsche oder irreführende Informationen über Impfungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Verunsicherung von Patient*innen und beeinflussen deren Impfentscheidung. Ärzt*innen sind als vertrauenswürdige Ansprechpartnerinnen in einer idealen Position, um diese Bedenken zu adressieren und Patient*innen zu einer informierten Entscheidung zu verhelfen (Gopichandran & Sakthivel, 2021).

Allerdings fühlen sich einige Ärzt*innen nicht ausreichend auf solche Gespräche vorbereitet, insbesondere wenn Falschinformationen eine Rolle spielen (Holford, Schmid, Fasce, Garrison, et al., 2024). Das Widerlegen solcher Informationen ist oft schwierig und führt nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Ein Beispiel: Ist ein Patient besorgt, weil er gehört hat, Impfungen könnten Unfruchtbarkeit verursachen, reicht es oft nicht aus, lediglich die Sicherheit der Impfung zu betonen. Eine solche Reaktion könnte sogar die Beziehung zum Patienten belasten oder den Irrglauben noch verstärken. Daher sind spezifische kommunikative Fähigkeiten notwendig, um Falschinformationen effektiv zu entkräften und negative Reaktionen zu vermeiden (Hornsey & Fielding, 2017).

Im Rahmen eines internationalen EU-Projekts (https://jitsuvax.github.io) wurde auf Grundlage psychologischer Theorien und wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Gesprächstechnik entwickelt, die empathische und vertrauensstiftende Kommunikation mit gezielten und effektiven Widerlegungstechniken kombiniert. Sie besteht aus vier Schritten. Ziel ist dabei nicht, Patient*innen zu einer Impfung zu überreden, sondern ihnen durch Empathie und Aufklärung die Angst zu nehmen und sie zu befähigen, auf Grundlage wissenschaftlicher Fakten eigenständig zu entscheiden.

Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass dieses ‚empathische Widerlegungsgespräch‘ die Impfbereitschaft positiv beeinflusst. Zusätzlich steigt das Vertrauen der Patient*innen in die Ärzt*innen, die diese Technik anwenden (Holford, Schmid, Fasce, & Lewandowsky, 2024).

Der angebotene Workshop führt in das Konzept dieser Gesprächstechnik ein und zielt darauf ab, das Selbstvertrauen und die Kompetenz im Umgang mit impfmüden Patient*innen zu stärken. Die Inhalte umfassen typische Argumente gegen Impfungen und effektive Techniken zu deren Widerlegung. Zudem erhalten die Teilnehmenden praxisnahe Hilfsmittel, um empathische Gespräche mit impfmüden Patient*innen zu führen. Der Workshop besteht aus vier thematischen Modulen, in denen die einzelnen Schritte des ‚empathischen Widerlegungsgesprächs‘ vorgestellt werden. Interaktive Übungen bieten die Möglichkeit, sich mit den typischen Argumenten der Impfmüdigkeit auseinanderzusetzen und die erlernten Techniken in Rollenspielen anzuwenden. So können die Teilnehmenden in einem geschützten Rahmen ihre Stärken und Schwächen erkennen und mögliche Herausforderungen gemeinsam reflektieren.

Der Workshop hat eine Länge von 90 min und wird von einem Mitglied des EU Forschungs-Projekts geleitet. Die Leiterin des Workshops ist Psychologin und forscht im Bereich Arzt-Patienten-Kommunikation sowie dem Einfluss von Falschinformationen auf Impfentscheidungen.



Publication History

Article published online:
11 March 2025

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