Gesundheitswesen 2025; 87(S 01): S74-S75
DOI: 10.1055/s-0045-1802039
Abstracts │ BVÖGD, BZÖG, DGÖG, LGL
03.04.2025
Postersitzung KJGD
11:00 – 12:30

Evaluation der Umsetzung der UN-BRK in der Gesundheitsuntersuchung zur Einschulung in der Landeshauptstadt München

K Martignoni
1   Landeshauptstadt München, Gesundheitsreferat (GSR), Gesundheitsvorsorge für Kinder und Jugendliche, GSR-GVO21, München
› Institutsangaben
 

Einleitung: Das Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München lädt jährlich ca. 15.000 Kinder zur gesetzlich verpflichtenden Gesundheitsuntersuchung zur Einschulung ein. Kinder mit schweren chronischen Erkrankungen und Behinderungen können oft nicht an der regulären Gesundheitsuntersuchung zur Einschulung teilnehmen. Die barrierefreie Gestaltung der Schuleingangsuntersuchung wurde daher 2019 als Maßnahme in den 2. Aktionsplan der Landeshauptstadt München zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufgenommen. Der Zugang zu der Untersuchung sollte für Kinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen erleichtert, der Ablauf und die Rahmenbedingungen an ihre Bedürfnisse angepasst werden. Mit der Umsetzung wurde im September 2019 begonnen. Alle Familien werden seither mit dem Einladungsschreiben zur Gesundheitsuntersuchung zur Einschulung über das inklusive Angebot informiert, betroffene Eltern erhalten eine individuelle telefonische Beratung im Vorfeld der Terminvereinbarung. Die medizinische Anamnese und Angaben zur Versorgungssituation des Kindes werden vorab eingeholt und bei der Planung und Anpassung des Untersuchungsablaufs berücksichtigt. Ein den Bedarfen der Kinder entsprechender inklusiver Untersuchungsraum wurde eingerichtet. Bei Bedarf wird eine gemeinsame Untersuchung durch eine Gesundheits- und Kinderkrankenpflegekraft und eine*n Kinderärztin*Arzt ermöglicht.

Methoden: Das Angebot wird anhand der in der Gesundheitsuntersuchung erhobenen Daten seit dem Untersuchungsjahr 2019/20 evaluiert. Beobachtet werden die Entwicklung der Anzahl der Kinder und die Art der Diagnosen. In der statistischen Auswertung erfolgt ein Vergleich der erhobenen anamnestischen Angaben, Befunde und der eingeleiteten weiteren Maßnahmen mit dem Gesamtkollektiv. Seit 03/2022 wird ein mit dem Behindertenbeirat München abgestimmter Fragebogen für die Rückmeldung der Eltern eingesetzt. Er beinhaltet Fragen zu Einladung und Organisation, Durchführung und Qualität der Untersuchung und Beratung sowie ergänzende offene Fragen zur erfahrenen Wertschätzung und Rücksichtnahme auf die besonderen Bedarfe.

Ergebnisse: Die Anzahl der Kinder, für die das inklusive Angebot angenommen wurde, nahm von 60 Kindern in 2019/20 auf 468 in 2022/23 zu. In 2022/23 hatten 30% der Kinder eine chronische Erkrankung, bei 28% lag eine körperliche, bei 45% eine seelische und bei 56% eine geistige Behinderung vor (Mehrfachbenennung möglich). 154 Kinder (35%) erfüllten die Kriterien einer Mehrfachbehinderung. Der Anteil der Kinder mit ungedecktem Therapie- und Förderbedarf war deutlich höher als im Gesamtkollektiv: 11% erhielten in 2022/23 zum Zeitpunkt der Untersuchung trotz vorhandener Diagnosen keine Therapien, 14% besuchten keine Kindertageseinrichtung. Bei 6% wurden weitere Maßnahmen aufgrund von Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung, insbesondere Medical Neglect, eingeleitet.

Von 09/2022 bis 08/2023 konnten insgesamt 193 Elternfragebögen ausgewertet werden. Die Auswertung zeigte in über 90% der Fälle eine hohe bis sehr hohe Zufriedenheit der Eltern für alle erfassten Bereiche von der Terminvereinbarung bis zur Durchführung der Untersuchung.

Schlussfolgerungen: Mit dem inklusiven Angebot können in München zunehmend viele Kinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen bedarfsgerecht in der Gesundheitsuntersuchung zur Einschulung gleichberechtigt untersucht und beraten werden. Der Bedarf für eine medizinische Beratung und Einleitung von weiteren Maßnahmen zur Deckung des Therapie- und Förderbedarfs ist in dieser Gruppe deutlich höher als im Gesamtkollektiv, sie sind häufiger von einer Kindeswohlgefährdung betroffen. Weitere Anstrengungen und eine laufende Evaluation sind erforderlich, um das zeit- und personalintensive inklusive Angebot an den vorhandenen Bedarf anzupassen und weiterzuentwickeln.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
11. März 2025

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