CC BY-NC-ND 4.0 · Klin Monbl Augenheilkd 2021; 238(05): 603-608
DOI: 10.1055/a-1002-0176
Offene Korrespondenz

Leipzig: 200 Jahre Brennpunkt der deutschen Augenheilkunde

Leipzig: 200 Years “Hotspot” of German Ophthalmology
Jens Martin Rohrbach
Department für Augenheilkunde, Forschungsbereich Geschichte der Augenheilkunde/Ophthalmopathologisches Labor, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Tübingen
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Nach dem Festvortrag gleichen Titels, gehalten zum 200. Jahr der Begründung der Augenheilkunde in Leipzig anlässlich der Tagung der Sächsischen Augenärztlichen Gesellschaft (SAG) in Leipzig, 30. November 2019. Für die Schriftversion wurde das Redemanuskript erheblich gekürzt. Abbildungen und Literaturzitate wurden hinzugefügt.

Die Geschichte der Augenheilkunde in Leipzig haben Sabine Fahrenbach und Peter Wiedemann ausführlich beleuchtet [1], [2]. Von einem neutralen Standpunkt aus ist die Leipziger Augenklinik historisch sicher zu den bedeutendsten in Deutschland zu zählen. Dabei ergibt sich die herausragende Bedeutung allein aus einigen Jahreszahlen. 1820 wurde von Friedrich Philipp Ritterich (1782 – 1866) die erste Augenabteilung – immer bezogen auf Deutschland – unter sehr bescheidenen Verhältnissen mit gerade einmal 4 stationären Betten gegründet. Ritterich berichtete 1845 zum 25-jährigen Bestehen der „Heilanstalt für arme Augenkranke“, wie sie seinerzeit hieß: „Blindsein ist ein so trauriges Geschick, dass, ihm zu entgehen, Erblindende und Blinde Blick und Streben unermüdet dahin wenden, wo ihnen in der Nacht ihres Daseins irgendein leichter Hoffnungsschimmer auftaucht. Als ich daher 1810 von Wien, wo ich unter dem berühmten Beer der Augenheilkunst oblegen hatte, hierher, in meine Vaterstadt, zurückkehrte, so wendeten sich auch an mich gar manche an dem Sehorgane Leidende, die schon anderweitig Hülfe gesucht, aber nicht gefunden hatten. Die Mehrzahl dieser Kranken waren, wie diess ja bei jungen Practikern immer der Fall ist, Arme und zwar zum Theil solche, denen nur auf operativem Wege und daher bei länger unter Aufsicht fortgesetzter ärztlicher Behandlung Hülfe geleistet werden konnte. Auswärtigen Kranken der Art musste ein Unterkommen und die bei der ärztlichen Behandlung nothwendige Pflege geschaffen werden. Bei der wachsenden Zahl derselben reichten meine schwachen Mittel dazu bald nicht mehr aus und es drang sich mir daher der Gedanke auf: eine Anstalt zu gründen, in welche solche Kranke aufgenommen und in der sie verpflegt werden könnten. Ich sammelte deshalb im Jahre 1820 bei mir Befreundeten und Bekannten Beiträge dazu und ungeachtet damals in unserer Stadt der Handel, der die Hauptquelle des Wohlstandes derselben bildet, sehr darniederlag, so brachte ich doch so viel zusammen, dass die Anstalt gegründet und den 1. Juni desselben Jahrs eröffnet werden konnte“ [3] ([Abb. 1]).

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Abb. 1 Titelblatt des Berichts von F. P. Ritterich zum 25-jährigen Bestehen der Augenheilanstalt in Leipzig, 1845 [3].

1835, auch das ein Superlativ, wurde im Rosenthal das erste Gebäude ausschließlich für eine Augenklinik mit ca. 40 Betten errichtet ([Abb. 2]). Ritterich gab uns einen Eindruck, wie es darin zuging: „Auf dem Zimmer beschäftigen sich die Männer zum Theil mit dem Bretspiele, von denen einige zu diesem Zwecke angeschafft worden sind. Weiber können häufig einige häusliche Arbeiten verrichten helfen, auch haben wir für sie Spinnräder und Spindeln […]. Da aber alles diess oft nicht ausreicht, so wird beiden Geschlechtern täglich einige Zeit aus irgend einem Buche, das der Fassungskraft dieser Kranken angemessen ist, vorgelesen. Eine Arbeit, der sich theils der Unterarzt, theils andere junge Leute gern unterziehn. […] Gottesdienst wird in dem klinische Saale jeden Sonntag von 9 bis 10 Uhr durch einen jungen Geistlichen gehalten“ [3].

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Abb. 2 Erster Neubau für eine reine Augenklinik im Deutschen Reich im Leipziger Rosenthal von 1835. Unter „Heilanstalt für Augenkranke“ findet sich der Schriftzug „Durch milde Gaben gestiftet MDCCCXX (1820), erbaut MDCCCXXXV (1835)“. Die Klinik hatte um die 40 Betten. Aus [3].

1852, und das ist wahrscheinlich der wichtigste historische Superlativ, wurde in Leipzig der erste Lehrstuhl für Augenheilkunde eingerichtet. Vor allem da Ritterich erkrankt war, erging der Ruf an Christian Georg Theodor Ruete (1810 – 1867) aus Göttingen [4]. Es soll der Ausgewogenheit wegen nicht unerwähnt bleiben, dass mitunter auch die Berliner den ersten ophthalmologischen Lehrstuhl für sich reklamieren, war doch Johann Christian Jüngken (1793 – 1875) bereits 1834 auf eine ordentliche Professur für Chirurgie und Augenheilkunde an der Charité berufen worden. Jüngken betrieb schwerpunktmäßig die Augenheilkunde, war aber auch noch allgemeinchirurgisch tätig, sodass der erste „lupenreine Lehrstuhl“ für unser Fach in Deutschland tatsächlich in Leipzig etabliert wurde.

Am 1. April 1883 wurde die neue Leipziger Augenklinik in der Liebigstraße mit 65 Betten eröffnet. Die Klinik war seinerzeit die größte im Deutschen Reich. Die Teile davon, welche die erheblichen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg überdauert haben, sind heute die älteste, noch in Betrieb befindliche Universitätsaugenklinik in diesem Lande.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft – DOG – tagte ab ihrer Gründung durch Albrecht von Graefe 1857 in Heidelberg. 1922 traf man sich erstmals in einer anderen Stadt, nämlich in Jena. Leipzig war 1932 erst der 3. DOG-Austragungsort und vor allem wegen seiner Bedeutung für unser Fach sowie für die „friedliche Revolution“ 1991 Gastgeber für den 1. DOG-Kongress nach der Wiedervereinigung, der von Jörg Draeger (1929 – 2017) präsidiert wurde.

Wenn Leipzig also nun, ohne die Leistungen anderer Universitäten schmälern zu wollen, eine der ganz wesentlichen Pflanzstätten der Augenheilkunde in Deutschland ist, so werden wir zu fragen haben, welche Gründe es dafür gab. Äußere Einflüsse spielten sicher eine große Rolle. Im Jahr 1900 gab es im Deutschen Reich erst 20 medizinische Fakultäten. Nach der Volkszählung von 1905 war Leipzig die fünftgrößte Stadt im Deutschen Reich und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die drittgrößte Stadt, die über eine universitäre Medizin verfügte, was der Leipziger Augenheilkunde allein schon von daher Gewicht gab. Die Größe und der Wohlstand der Stadt ermöglichten Dinge, die so in den meist kleineren Universitätsstädten nicht möglich waren. Dazu gehörte Ritterichs Gründung aus dem Jahr 1820. Ritterich hat hierüber 1845, Adolf Coccius (1825 – 1890) 1870 zum 50. Jahrestag der Gründung Bericht erstattet ([Abb. 3]) [3], [5]. 1823 wurde der gemeinnützige „Verein zur Erhaltung der Heilanstalt für arme Augenkranke in Leipzig“ gegründet mit, neben Ritterich, „15 anderen, ehrenwerten Männern Leipzigs“, welche für die Geschicke und insbesondere die Finanzierung der Augenklinik ganz wesentlich verantwortlich zeichneten. Coccius meinte dazu: „Unter diesem Zusammenwirken edler Seelen, zu denen noch eine Reihe von Entschlafenen gehört, die der Augenheilanstalt fortlaufende Vermächtnisse vermacht haben, hat sich in der historischen Entwickelung der Anstalt eine Art geweihter Stätte herausgebildet, welche vom Hauch der Liebesathmung gestiftet und erhalten auch der spätern Generation Leipzigs als ein achtungswerthes Moment erscheinen wird und schon jetzt entfernt von dem im Volke oft unrecht aufgefassten Begriffe Hospital zu einem Spendhaus für Arme geworden ist. Möge ihm der Segen menschenfreundlicher Theilnahme bis in ferne Zeiten bleiben!“ [5].

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Abb. 3 Titelblatt des Berichts von Adolf Coccius zum 50-jährigen Bestehen der Augenheilanstalt in Leipzig, 1870 [5].

Auch nach Erhebung zur Universitätsaugenklinik wurden die Geschicke bis auf Weiteres noch vom gemeinnützigen Verein zur Erhaltung der Augenheilanstalt bestimmt. So schrieb der seinerzeitige Ordinarius Adolf Coccius noch 1870: „In der Verabreichung von nöthigen Medicamenten herrscht bei uns der Grundsatz, dass der arme Kranke von Seiten eines öffentlichen Wohlthätigkeitsinstituts im Allgemeinen dieselben theuren Medicamente erhält, welche der wohlhabendere Mensch gebraucht, daher wir denn auch am Jahresschlusse unsern verehrten Herren Mitdirectoren gewöhnlich eine ziemlich theure Apothekerrechnung vorlegen“ [5].

Die Finanzierung der Augenklinik beruhte auf verschiedenen Säulen, die nach Ritterich waren:

  1. „Die jährlichen Beiträge von den Bewohnern dieser Stadt und von einigen Auswärtigen.

  2. Die Interessen der auf Zinsen ausgeliehenen und in Staatspapieren angelegten Capitalien.

  3. Die von der hohen Ständeversammlung des Landes aus der Staatscasse von 3 zu 3 Jahren bewilligten jährlichen 500 Thaler.

  4. Die Zahlungen bemittelter Kranken für Wohnungen im 2. Stocke des Hauses.

  5. Unvollständige Vergütung von zwar Unbemittelten, aber doch nicht ganz Armen, oder von ihren Angehörigen, von Innungen oder Gemeinden.

  6. Endlich Geschenke, von denen manche regelmäßig jährlich oder zweijährig erfolgen.

Noch darf nicht unerwähnt gelassen werden, dass von Sr. Maj. dem Könige 50 Thaler jährlich zu Anschaffung und Erhaltung von Augeninstrumenten bewilligt und der Anstalt von 1829 an gegen Ende jedes Jahrs ausgezahlt worden sind“ [3].

Überhaupt scheinen die Sächsischen Könige und andere Fürsten der Leipziger Augenklinik wohl gesonnen gewesen zu sein. Theodor Wilhelmi (1808 – 1886), ab 1858 Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung der Augenheilanstalt und Mitherausgeber des Berichts von 1870, schrieb: „Unter anderen übersendeten wiederholt Se. Majestät der König und mehrere Mitglieder des königlichen Hauses, auch der Herr Erb-Grossherzog von Weimar und der Herr Herzog von Altenburg, sowie der Herr Fürst Otto Victor von Schönburg-Waldenburg und andere hohe Gönner Gnadengeschenke an Geld“ [5]. Zu erwähnen ist noch Friederike Ritterich (1792 – 1872), welche die Augenklinik mit ihrer Stiftung noch einige Jahre über den Tod ihres Mannes hinaus unterstützte [5]. Bürgerschaftliches Engagement und generöse, kluge und weitsichtige Landesherren waren das Fundament, auf dem die Erfolgsgeschichte der Leipziger Augenheilkunde gebaut ist. Dabei blieben Ritterich, Ruete und Coccius bescheiden und selbstlos. So meinte Ritterich: „Wer etwas für das öffentliche Wohl unternimmt, darf nicht auf Dank, ja! bei so ungleichen Gesinnungen und Ansichten der Menschen nicht einmal auf allgemeine Anerkennung des glücklich Vollführten und Gelungenen rechnen. Das Bewusstsein, etwas Nützliches geschaffen zu haben, muss ihm genügen. Auch ich habe bei Errichtung dieser Anstalt und bei der dadurch übernommenen unentgeltlichen Arbeit nie auf Dank oder Anerkennung den geringsten Anspruch gemacht und durfte auf letztere umso weniger rechnen, als es meinem Gefühle von jeher widerstrebte, durch irgend eine Anregung die Aufmerksamkeit der Welt auf meine persönlichen Leistungen zu lenken“ [3].

Ein glücklicher Umstand war, dass der Direktor der Leipziger chirurgischen Klinik, Gustav Biedermann Günther (1801 – 1866), die Errichtung des ophthalmologischen Ordinariats aus voller Überzeugung unterstützte. Dabei richtete man in Leipzig 1852 nicht nur den Lehrstuhl ein, sondern unterstützte den Lehrstuhlinhaber Ruete sowohl seitens der Universität als auch seitens der Landesregierung nachhaltig. Adolf Coccius schrieb dazu in seinem Bericht von 1870: „Unsere Regierung hat sich hierbei ein mehrfaches Verdienst um die Ophthalmologie erworben, welches in der Geschichte derselben noch in späten Zeiten als ein leuchtender Stern über Sachsen anerkannt werden wird; denn sie hat nicht einfach den Vertreter der Ophthalmologie als ein Mitglied der medizinischen Fakultät proclamirt, sondern sie hat demselben gleich anfangs eine Stellung bereitet, welche ihm in äusserer wie in wissenschaftlicher Beziehung wirklich das zu leisten und auszuführen gestattet, was er im Interesse der Augenheilkunde und seiner Schüler zu leisten hat. Die sofortige Einführung eines einjährigen Cursus für die Studirenden der Ophthalmologie hat ferner der Begründung des Lehrstuhls derselben im J. 1853 einen grössern Erfolg verliehen, als ihn die Auferlegung officieller öffentlicher Examina allein gehabt haben würde. Unsere Regierung hat endlich in der Berufung Rueteʼs zugleich bekundet, dass sie den Einfluss der physiologischen Bildung eines Lehrers bei der Besetzung des neu begründeten Lehrstuhls vorzüglich im Auge hatte und sie hat mit diesem Prinzipe nicht nur an sich sehr wohl gethan, sondern in C. G. Th. Ruete auch einen Mann gefunden, der sich des hohen Gutes, welches er aus der Hand unseres Staates erhielt, wohl bewusst war und dasselbe von Anfang seines Wirkens an bis zu seinem Lebensende in seiner Würde und seinem Rechte energisch vertrat“ [5].

Auch ein anderer Umstand kam der Leipziger Augenheilkunde zugute, nämlich die sehr frühe Einführung des „Taxischeins“: Der bereits erwähnte Theodor Wilhelmi schrieb dazu 1870: „Endlich verdient noch eine Erleichterung, welche nun schon seit einer Reihe von Jahren den die Augenheilanstalt von auswärts aufsuchenden Armen ganz wesentlich zu Gute kommt, einer besonderen Erwähnung. Es haben nämlich die Directionen der in Leipzig mündenden Eisenbahnen, der K. Westlichen Staatsbahnen, der Leipzig-Dresdner, Thüringer, Magdeburg-Leipziger und Berlin-Anhaltischen Eisenbahnen ihre von einigen schon früher bezeigte Theilnahme an Förderung der Zwecke der Anstalt vom Jahre 1864 an durch die seitdem überhaupt von ihnen zugestandene Gewährung freier Fahrt für in der Anstalt Hülfe suchende Bedürftige sämmtlich bethätigt“ [5].

Mindestens bis 1950 war Papier der alles beherrschende Informationsträger, und Leipzig war als Standort zahlreicher Verlage und Druckereibetriebe vor allem im 19. Jahrhundert ein ganz wesentliches Zentrum der Publizistik. Hier erschien ab 1845 z. B. die „Illustrirte Zeitung“ ([Abb. 4]), die ganz wie heute Tratsch und Klatsch nicht nur aus den Adelshäusern bediente, sondern neben einem umfangreichen Anzeigenanteil auch Wissenswertes aus Gesellschaft, Mode, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Bauwesen und Medizin lieferte. In der „Illustrirten Zeitung“ wurde 1880 auch der erste Entwurf des schließlich 1882 eingeweihten Graefe-Denkmals in Berlin abgedruckt. Die berühmte „Physiologische Optik“ von Hermann von Helmholtz (1821 – 1894), seinerzeit in Heidelberg tätig, erschien in Leipzig bei Leopold Voss. Bei Franz Deuticke wurde unter anderem die umfangreiche Monografie über das Retinoblastom des Wiener Ophthalmologen Hugo Wintersteiner (1865 – 1918) von 1897 herausgegeben. Schon 1817 war hier die Übersetzung der ersten Retinoblastommonografie von James Wardrop (1782 – 1869) von 1809 in der Baumgärtnerʼschen Buchhandlung verlegt worden. Leonhard Koeppe (1884 – 1969) veröffentlichte seine „Diathermie und Lichtbehandlung des Auges“ bei Friedrich Christian Wilhelm Vogel, Theodor Axenfeld (1867 – 1930) seine „Ärztlichen Erfahrungen im 1. Weltkrieg“ bei Johann Ambrosius Barth. Der große Ophthalmohistoriker Julius Hirschberg (1843 – 1925) nutzte für seine Publikationen vor allem Leipziger Verlage. Seine lesenswerten Berichte über Ägypten und seine Reise um die Erde erschienen bei Georg Thieme. Besonders enge Beziehungen unterhielt Hirschberg zu Veit und Companie, wo er neben weiteren Reiseberichten 1877 sein „Centralblatt für die praktische Augenheilkunde“ publizierte [6]. Schließlich erschien die epochale „Geschichte der Augenheilkunde“ bis auf die beiden letzten Berliner Bände von 1918 in Leipzig bei Wilhelm Engelmann.

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Abb. 4 Illustrirte Zeitung, Leipzig. Ausgabe vom 15. Mai 1880. Im Titel sind der Augustusplatz und die Leipziger Universität abgebildet. Das Gebäude am rechten Bildrand ist das seinerzeitige Neue Theater.

Und so war es nur folgerichtig, dass auch die Leipziger Ophthalmologen das am Ort befindliche Verlagswesen nutzten und sie so ihre Erkenntnisse transportierten. Der schon erwähnte Adolf Coccius publizierte seine Schrift „Über Glaucom, Entzündung und die Autopsie mit dem Augenspiegel“ 1859 bei Immanuel Müller, Hubert Sattler (1844 – 1928) Albrecht von Graefes Iridektomie als Klassiker der Medizin 1911 bei Ambrosius Barth und der Leipziger Oberarzt und Privatdozent Richard Seefelder (1875 – 1949) gemeinsam mit dem Marburger Ordinarius Ludwig Bach (1865 – 1912) den wunderschönen „Atlas zur Entwicklungsgeschichte des menschlichen Auges“ 1914 bei Wilhelm Engelmann.

Die Berichte zum 25- und 50-jährigen Bestehen der Heilanstalt [3], [5] publizierten Ritterich und Coccius im Verlag von Friedrich Christian Wilhelm Vogel (1776 – 1842), der selbst Mitglied im Verein zur Erhaltung der Augenheilanstalt und dessen Schatzmeister war, was die sehr enge Verbundenheit von Augenklinik und Verlagswesen in Leipzig bezeugt. Ein historisch ganz besonderes Werk sind die bei Benedictus Gotthelf Teubner erschienenen „bildlichen Darstellungen der Krankheiten des menschlichen Auges“ von Theodor Ruete, wurden hierin doch 1854, 3 Jahre nach Vorstellung des Augenspiegels, erstmals auf der Welt absolut brillante, farbige Funduszeichnungen in einem Buch reproduziert ([Abb. 5]) [7].

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Abb. 5 Netzhaut mit Retinitis pigmentosa und verschiedenen Formen der Ablatio. Tabula VII, Fig. III bis VI, aus Theodor Ruetes „bildlichen Darstellungen“, 1854 [7]. In der 1. und 2. Lieferung („Physikalische Untersuchung des Auges“) des Werks finden sich die ersten farbigen Fundusabbildungen überhaupt in einer ophthalmologischen Monografie.

Der 2. Lehrstuhlinhaber für Augenheilkunde war Adolf Coccius, der ein Ophthalmometer und ein Ophthalmoskop, das auch von Albrecht von Graefe genutzt wurde, entwickelte. Coccius hatte zum Teil die gleichen Lehrer wie Albrecht von Graefe, war aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der einzige bedeutendere Ophthalmologe, der nicht Schüler Graefes war. Insofern kann man dank Coccius von einer autonomen Entwicklung der Leipziger Augenheilkunde sprechen. Albrecht von Graefe soll mit Coccius eine „freiwillige Übereinstimmung“ gepflegt und gesagt haben: „Ist Coccius damit einverstanden, dann ist es sicher richtig“.

Karl Velhagen (1897 – 1990), der 7. Ordinarius, erwarb sich gemeinsam mit seinem Vorgänger Moritz Wolfrum (1876 – 1950) große Verdienste um den Wiederaufbau der stark zerstörten Klinik nach 1945 sowie durch sein vielbändiges Werk „Der Augenarzt“, das im VEB Georg Thieme Leipzig erschien und „Die Geschichte der Augenheilkunde“ von Wolfgang Münchow (1923 – 1986) enthielt. Velhagens Nachfolger Rudolf Sachsenweger (1916 – 2007) wies eine große wissenschaftliche Breite auf. Neben der Strabologie vertiefte er sich in die ophthalmologische Gerontologie. Peter Karl Lommatzsch machte sich um die ophthalmologische Onkologie nicht nur in der DDR, sondern weit darüber hinaus verdient. Der heutige Direktor Peter Wiedemann hat es bis zum Präsidenten des Weltverbandes der Augenärzte gebracht, eine Position, die irgendwie einen „sächsischen Touch“ zu haben scheint, bekleidete doch schon der in diesem Bundesland aufgewachsene Gottfried Naumann dieses Amt.

Die akademische Blütezeit der Leipziger Augenklinik war die Periode des Ordinariats von Hubert Sattler, die von 1891 bis 1920 reichte. Fünf Schüler Sattlers wurden von Leipzig auf Lehrstühle berufen: Carl von Hess (1863 – 1923), Emil Krückmann (1865 – 1944), Arthur Birch-Hirschfeld (1871 – 1945), Alfred Bielschowsky (1871 – 1940), der engen Kontakt zum Leipziger Physiologen Ewald Hering (1834 – 1918) pflegte, und Richard Seefelder. Damit war die Leipziger Augenheilkunde zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägend für das gesamte Deutsche Reich.

Von den vielen ophthalmologischen Publikationen aus Leipzig seien beispielhaft erwähnt Richard Seefelders klassisches Manuskript von 1909 „Die Aniridie als eine Entwicklungshemmung der Retina“, in dem er anhand eines einzigen, histologisch untersuchten Auges nachwies, dass die Hypoplasie der Iris nur der prominente Teil einer Fehldifferenzierung des gesamten Augenbechers ist, die – erstmals nachgewiesen – mit einer Hypoplasie der Makula einhergehen kann [8], sowie die Arbeiten des Direktors der Leipziger Universitäts-Frauenklinik, Carl Siegmund Franz Credé (1819 – 1892) zur Prophylaxe der neonatalen Gonoblennorrhö mit Silbernitratlösung [9].

Bei allen faszinierenden, naturwissenschaftlichen Fortschritten hatte das Heilen in Medizin und Augenheilkunde immer auch geisteswissenschaftliche Aspekte, die gerade auch in Leipzig gepflegt wurden. Dort steht dank Karl Sudhoff (1853 – 1938) die Wiege der Medizingeschichte. Hier machte sich Theodor Ruete 1863 anlässlich seiner Rede im Rahmen der Übernahme des Rektorats Gedanken darüber, ob und wie Sinneswahrnehmungen die Seele beeinflussen können ([Abb. 6]) [10]. Auch Ritterich und Coccius reflektierten das ärztliche Tun. So meinte Ritterich quasi als früher Kritiker der heutigen Informationsflut 1845: „Da das ärztliche Verfahren aber nur von Aerzten beurtheilt werden kann, so muss ein solcher Bericht stets an die Aerzte und erst mittelst derselben an das Publikum gerichtet und also ein wissenschaftlicher sein. Ist er diess nicht, will der Arzt also nur dem grössern Publikum, das ihn nicht beurtheilen kann, zeigen, was er alles geleistet hat und was daher von ihm zu erwarten steht, so gehört der Bericht in das Gebiet der Marktschreierei und Berichte dieser Art sollten gar nicht, wie es doch so häufig geschieht, in ärztliche Zeitschriften aufgenommen werden“ [3].

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Abb. 6 Titelblatt von Theodor Ruetes Abhandlung „Ueber die Existenz der Seele vom naturwissenschaftlichen Standpunkte“, 1863 [10].

Und Coccius mahnte schon 1870 eine kritische Indikationsstellung an, indem er schrieb: „Jede einfache und leichte Operation kann unter Umständen schwere Folgen haben und jede schwere Operation, noch so geschickt ausgeführt, kann keinen Erfolg haben, wenn die Operation überhaupt nicht unter dem Regiment der rationellen Therapie steht. […] Dass blinde Anhänger einer Operationsmethode allerdings einen gewissen Terrorismus ausüben können, der unangenehm berührt, das hat die Erfahrung verschiedener Zeiten schon bewiesen“ [5].

Nur selten ist Geschichte ausnahmslos erfreulich. Der Nachfolger Ernst Hertels auf dem hiesigen Lehrstuhl, Adolf Jess (1883 – 1977), NSDAP-Mitglied, hat in der NS-Zeit nicht verhindert oder verhindern können, dass seine jüdischen Oberärzte Max Goldschmidt (1884 – 1972) und Friedrich Peter Fischer (1896 – 1949) die Leipziger Augenklinik und das Land verlassen mussten. Neben diesen beiden gab es 1933 noch 5 weitere jüdische Augenärzte in Leipzig. Vier von diesen konnten emigrieren und überlebten den Zweiten Weltkrieg. Dora Rothschild (1898 bis ca. 1944) kam im KZ Stutthof ums Leben. Von den 119 Fachkolleginnen und Kollegen, die in die Emigration gingen, kehrten ganze 3 nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück. Alfred Haase aus Leipzig war einer von ihnen [11], [12].

Im Jahr 1845 beendete Friedrich Philipp Ritterich seinen Bericht über die „Heilanstalt für arme Augenkranke zu Leipzig“ mit folgendem Wunsch, der hoffentlich weiterhin für die Leipziger Augenklinik gelten wird:

Möge sich die Theilnahme des Publikums für das Wohl dieser Anstalt und das Vertrauen der Kranken zu derselben, wie sie sich bisher gezeigt haben, so auch ferner und in alle Zukunft erhalten“ [3].


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Interessenkonflikt

Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Jens Martin Rohrbach
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Department für Augenheilkunde, Forschungsbereich Geschichte der Augenheilkunde/Ophthalmopathologisches Labor
Elfriede-Aulhorn-Straße 7
72076 Tübingen
Deutschland   
Phone: + 49 (0) 7 07 12 98 47 61   
Fax: + 49 (0) 70 71 29 47 62   

Publication History

Received: 18 July 2019

Accepted: 16 August 2019

Publication Date:
26 November 2019 (online)

© 2019. The Author(s). This is an open access article published by Thieme under the terms of the Creative Commons Attribution-NonDerivative-NonCommercial License, permitting copying and reproduction so long as the original work is given appropriate credit. Contents may not be used for commecial purposes, or adapted, remixed, transformed or built upon. (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/)

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Abb. 1 Titelblatt des Berichts von F. P. Ritterich zum 25-jährigen Bestehen der Augenheilanstalt in Leipzig, 1845 [3].
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Abb. 2 Erster Neubau für eine reine Augenklinik im Deutschen Reich im Leipziger Rosenthal von 1835. Unter „Heilanstalt für Augenkranke“ findet sich der Schriftzug „Durch milde Gaben gestiftet MDCCCXX (1820), erbaut MDCCCXXXV (1835)“. Die Klinik hatte um die 40 Betten. Aus [3].
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Abb. 3 Titelblatt des Berichts von Adolf Coccius zum 50-jährigen Bestehen der Augenheilanstalt in Leipzig, 1870 [5].
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Abb. 4 Illustrirte Zeitung, Leipzig. Ausgabe vom 15. Mai 1880. Im Titel sind der Augustusplatz und die Leipziger Universität abgebildet. Das Gebäude am rechten Bildrand ist das seinerzeitige Neue Theater.
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Abb. 5 Netzhaut mit Retinitis pigmentosa und verschiedenen Formen der Ablatio. Tabula VII, Fig. III bis VI, aus Theodor Ruetes „bildlichen Darstellungen“, 1854 [7]. In der 1. und 2. Lieferung („Physikalische Untersuchung des Auges“) des Werks finden sich die ersten farbigen Fundusabbildungen überhaupt in einer ophthalmologischen Monografie.
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Abb. 6 Titelblatt von Theodor Ruetes Abhandlung „Ueber die Existenz der Seele vom naturwissenschaftlichen Standpunkte“, 1863 [10].