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DOI: 10.1055/a-2743-7837
Medizinethik in Forschung und Lehre: und weit darüber hinaus


Medizinethik ist gemeinsam mit Geschichte der Medizin eines der immer noch jungen, „kleinen“ Fächer an den medizinischen Fakultäten und steht dort – ich bitte jetzt schon um Entschuldigung – immer noch im Schatten der Heldenmedizin. Ihre Themen wie Gerechtigkeit, Patientenautonomie oder würdiges Sterben sind nun aber alles andere als randständig. Sie können jeden von uns als Kranke oder Zugehörige wie ein Blitz treffen. Ein Stück weit hat dies gesellschaftlich auch einen Niederschlag darin gefunden, dass Medizinethik inzwischen fester Bestandteil von Politikberatung in Sachen Gesundheit geworden ist.
Die Ärztin und Philosophin Bettina Schöne-Seifert unternimmt einen mutigen Versuch, die Medizinethik für ein größeres Lesepublikum aus dem Schattendasein herauszuholen. Sie kann auf mehr als dreißig Jahre Forschung und Lehre zurückblicken, war von 2001 bis 2010 Mitglied des Nationalen Ethikrates und stets an aktuellen ethischen Debatten in der Öffentlichkeit beteiligt. Ihr jüngstes Buch stellt in zwölf Kapiteln zentrale strittig diskutierte Themen der Demenzbehandlung, des Suizids, der Embryonen-Ethik, der Alternativmedizin, des Impfzwangs und der Bedeutung von KI für die moderne Medizin vor und weicht dabei von der Methode klassischer Fach- und Sachbücher ab. Sie stellt nämlich allen Kapiteln eine Story voran, in der sie in einer fiktiven Geschichte das kommende Thema vorstellt, jeweils mit einer Fülle von Argumenten, Gedanken und Gefühlen, die Akteure in der Regel umtreiben. Die Idee dabei ist, nicht nur den üblichen Interessiertenkreis zu erreichen. Darf die schriftlich fixierte Anweisung eines nunmehr an schwerer Demenz Erkrankten, im Falle fortgeschrittener Demenz auf lebensverlängernde Medizin zu verzichten, übergangen werden? Was spricht dafür, dass der Gesetzgeber die erkennbare Ablehnung eines nennenswerten Prozentsatzes der Bevölkerung gegen Impfungen (von Kindern und Erwachsenen) übergeht? Wie begründet sich der Disput um eine Erleichterung von Organspenden? Ist künstliche Intelligenz am Ende vielleicht das Ende individualisierter Medizin – oder eine Chance für eine gerechtere Medizin?
Die Autorin stellt in jedem Fallbeispiel die teils erbitterte Kontroverse vor, gibt Hinweise zu zentraler Literatur und verschweigt nie ihr eigenes Fazit. Wie sie das jeweils formuliert, verweist auf die Stärke ihres gesamten Vorgehens: nie verstellt sie den Weg zu anderen Schlussfolgerungen, stets zeigt sie die Dilemmata auf, die mit vielen ethischen Fragen grundsätzlich oder mangels gesicherten Wissens verbunden sind. Ein wirklich herausragendes Buch in der Vielzahl lesenswerter Publikationen des letzten Jahrzehnts.
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Bremen
Publication History
Article published online:
09 February 2026
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