Am 30. Januar 2008 jährte sich der 60. Todestag von Mohandas Karamchand „Mahatma”
Gandhi (1869–1948), des politischen und geistigen Führers der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Diese führte 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbei. „Die
Ehrfurcht vor dem universalen und alles durchdringenden Geist der Wahrheit hat mich
in die Politik geführt” wird Gandhi zitiert [1]. Seinen Ehrennamen „Mahatma” (=Grosse Seele) erhielt er vom Philosophen und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore, der
ihn bei seiner Ankunft in Indien 1915 so begrüßte.
Was kennzeichnete Gandhis erfolgreiches Wirken? Grundlegend war für ihn das „Festhalten
an der Wahrheit” (Satyagraha) [2]. Dieses Konzept umfasste nicht nur die Gewaltfreiheit (Ahimsa), sondern auch andere
ethische Forderungen wie die Fähigkeit und Bereitschaft zur individuellen und politischen
Eigenkontrolle (Swaraj). Grundgedanke ist, Gegner sowohl aus einer langfristigen strategischen
Perspektive heraus als auch aus ethischer Überzeugung am Ende als Verbündete und Freunde
zu gewinnen. Gewaltlosigkeit war aus Gandhis Sicht daher eine Waffe der Starken, nicht
der Schwachen. Er war sich der Konsequenz des Leidens um einer Sache willen bewusst.
Ist hier ein Brückenschlag zu den Themen Öffentliche Gesundheit, Gesundheitsförderung
und Prävention möglich? Ein solcher könnte in dreifacher Hinsicht versucht werden:
zum einen hinsichtlich des politischen Selbstanspruches „Öffentlicher” Gesundheit,
zum Zweiten hinsichtlich der Konzepte „Empowerment” und „Partizipation”, zum Dritten
hinsichtlich der Idee des „Festhaltens an der Wahrheit”.
Die Verbindung zum politischen Selbstanspruch „Öffentlicher” Gesundheit auch für Deutschland wird deutlich, wenn man sich die programmatische
Aussage Rudolf Virchows vor Augen hält: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts, als
Medizin im Großen” [3]. Das Jahr dieses Ausspruches war 1848, 100 Jahre vor der Unabhängigkeit Indiens
ebenfalls ein Jahr des Umbruches – das Jahr der bürgerlichen Revolution in Deutschland.
Teil der damaligen Reformbewegung war der Anspruch auf eine verbesserte öffentliche
Gesundheitspflege [4]. Diese politische Komponente öffentlicher Gesundheitspflege ist unverändert aktuell:
Lokal und regional, national und überregional auch auf der europäischen Ebene. Eine
Übersicht zu gesundheitsbezogener Politikorientierung wurde von der finnischen EU-Ratspräsidentschaft
2006 erstellt („Health in All Policies” – Gesundheit in allen Politikbereichen, www.euro.who.int/observatory/Publications/20060915_2).
In Anlehnung an Gandhis Unabhängigkeitsbewegung könnte man ein Leben in Gesundheit
als „die größere Freiheit” charakterisieren, welche es zu gewinnen, zu erhalten und
zu gestalten gilt. „Assuring the conditions in which people can be healthy” – Bedingungen schaffen, in denen Menschen gesund leben können, lautet eine bekannte
Formulierung für den gesellschaftlichen Auftrag an Public-Health/Öffentliche Gesundheit
[5]. Oder als Kurzformel der Verhältnisprävention: „make healthy choices easy choices” – gesunde Entscheidungen durch eine entsprechende Gestaltung der Umwelt leicht bzw.
zur Normalität machen. Die darin enthaltene Bedeutung insbesondere der Verhältnisprävention
wird durch die Ergebnisse der Evaluationsforschung zunehmend empirisch belegt. Für
eine erfolgreiche Prävention haben multimodale, in den Lebenswelten („Settings”) umfassend
verankerte Herangehensweisen hohe Bedeutung [6].
Die in manchen Fällen auch politische Tragweite einer Verhältnisorientierung haben
z.B. die mit dem Jahresbeginn 2008 in Kraft getretenen Gesetze zum Rauchverbot in
öffentlichen Gebäuden und Gaststätten deutlich gemacht. Als erstes Land weltweit hatte
Irland am 29. März 2004 ein vollständiges Rauchverbot in der Gastronomie durchgesetzt.
Italien und Schweden folgten kurz darauf. Überraschend war im Gefolge dieser gesundheitspolitischen
Ausrichtung der unerwartet günstige Effekt auf die allgemeine Herzinfarktsterblichkeit
und die Erkenntnis, dass die Passivrauchbelastung ein fast ebenso großes Risiko für
die Herzinfarktrate bei Nichtrauchern darzustellen scheint wie das Rauchen bei Rauchern
[7].
Dem steht eine herkömmliche, einseitig auf das individuelle Verhalten bzw. auf reine
Informationsvermittlung beschränkte Präventionsstrategie gegenüber, der bei kritischer
Überprüfung häufig Wirkungslosigkeit attestiert werden muss. Ein Beispiel dafür gibt
das methodisch anspruchsvolle Hutchinson Projekt zur Raucherprävention in Schulen
ab, welches trotz vielfältiger verhaltensbezogener Interventionen vom Schuleintritt
bis zur 12. Klasse letztlich das Rauchverhalten nicht beeinflussen konnte [8]. Um Missverständnissen vorzubeugen: Als komplementäre Maßnahmen innerhalb einer
multimodalen Strategie haben diese Herangehensweisen durchaus ihren guten Sinn.
Eine zweite Brücke zu Mahatma Gandhis Denken lässt sich über moderne Begriffe der
Gesundheitsförderung wie Partizipation („Teilhabe”) und Empowerment („Befähigung”) schlagen. Sein Begriff der Eigenkontrolle kommt solchen Konzepten
nahe. Partizipation will die „Zielgruppen” von Prävention und Gesundheitsförderung aktiv einbinden in
Programm- bzw. Projektentwicklung, Durchführung und Evaluation. Empowerment will die Beteiligten befähigen, Eigenkontrolle über ihre Gesundheit bzw. die Determinanten
und gesundheitsrelevanten Lebensumstände zu entwickeln. Beide Elemente finden in der
Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung von 1986 und auch in späteren Dokumenten der
Weltgesundheitsorganisation regelmäßig Erwähnung (z. B. Evaluation in Health Promotion.
Principles and Perspectives, www.euro.who.int/InformationSources/Publications/Catalogue/20010911_43). Dass Gandhi unter „Eigenkontrolle” gleichberechtigt auch das Ringen um die eigene
persönliche Integrität und Authentizität verstand, sei der Vollständigkeit halber
ebenfalls erwähnt.
Eine dritte Verbindung zu moderner Gesundheitsförderung und Prävention ließe sich
an dem für Gandhi zentralen Begriff des „Festhaltens an der Wahrheit” festmachen. Auf die historisch und kulturell beeinflusste Vielschichtigkeit des
philosophischen Grundbegriffes „Wahrheit” sei an dieser Stelle einschränkend hingewiesen.
Dennoch kann in einer bewussten Reduktion der von Gandhi vermutlich sehr viel breiter
gedachten Bedeutung auf den wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff eine Brücke geschlagen werden. In einem solchen Verständnis lässt
sich Wahrheit als „interpersonale Verifizierung” bzw. „Homo-logie”, d. h. einvernehmliche
Rede, unter vernünftigen und sachkundigen Personen auffassen. Solche vernünftige Rede
ist gekennzeichnet durch Unvoreingenommenheit gegenüber der Sache, gegenüber den die
Diskussion führenden Personen, gegenüber Emotionen, Traditionen und Moden einerseits
und Begründbarkeit andererseits (dialogischer Wahrheitsbegriff der Erlanger Schule,
[9]). Diese Beschreibung liest sich wie eine vorweggenommene Definition einer „evidenzbasierten”
Prävention.
Dass die Suche nach und das Ringen um Wahrheit im Sinne wissenschaftlicher „Homologie”
durch unvernünftiges Diskutieren unter dem Einfluss von Industrielobbyismus erschwert
und verzögert werden kann und worden ist, ist Gegenstand einer anhaltenden wissenschaftsinternen
Diskussion auch in der Epidemiologie. Dass idealerweise auch die Effektivität gesundheitspolitisch
relevanter Gesetzgebung begleitend evaluiert werden sollte, ergibt sich aus dem Gesagten.
Diese drei Brückenschläge
-
die bisweilen auch politische Dimension bei der gesundheitsförderlichen Gestaltung der Lebenswelten,
-
ein bisweilen notwendiges wohlverstandenes individuelles und politisches Empowerment und
-
ein unabdingbares Festhalten an einer der Suche nach Wahrheit verpflichteten Forschungs- und Evaluationskultur
sind wie dieses Schwerpunktheft insgesamt vor allem als Impuls gedacht. Ob dieser
Impuls zu überzeugen bzw. neugierig zu machen vermag, wird partizipativ von unserer
„Zielgruppe” beurteilt werden – den sachkundigen Partnern und Multiplikatoren im Feld.