Gesundheitswesen 2011; 73(3): e44-e50
DOI: 10.1055/s-0030-1247539
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Selbstverantwortung im Gesundheitswesen, diskutiert am Medikamentenmanagement aus Sicht chronisch kranker Patienten

Self-Responsibility in Health Care using the Example of Medication Management from the Chronically Ill Patient's PerspectiveJ. W. Haslbeck1 , D. Schaeffer2
  • 1Careum Stiftung (vormals Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften)
  • 2Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Further Information

Publication History

Publication Date:
25 February 2010 (online)

Zusammenfassung

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen, vor allem in der Arzneimittelversorgung. Vermehrt sollen Patienten zur Lösung der damit verbundenen Probleme beitragen, indem sie mehr Verantwortung im Umgang mit Medikamenten übernehmen. Unterstützt wird dies durch Konzepte wie Shared Decision Making oder Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit. Allerdings ist unklar, inwieweit sich die eigenverantwortliche Rolle, die den Erkrankten zugedacht wird, mit ihren Bedürfnissen deckt und das Postulat von Eigenverantwortung und Autonomie angemessen ist, wenn sich krankheitsbezogene Herausforderungen als schwierig erweisen oder komplexer werden. Im vorliegenden Beitrag erfolgt eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen auf der Basis von Studienbefunden zum Medikamentenmanagement aus Sicht chronisch Erkrankter. Die Ergebnisse der qualitativen Longitudinalstudie mit 27 chronisch kranken Patienten zeigen, dass Problemsicht und Alltagsschwierigkeiten chronisch Erkrankter nach wie vor einem ,blinden Fleck‘ im Gesundheitswesen gleichen und eine alleinige Ausrichtung emanzipatorischer Ansätze auf die Vermittlung von krankheits- und medikamentenbezogenem Wissen nicht ausreichen dürfte; vielmehr bedarf es einer zielgerichteten Kompetenzförderung chronisch Erkrankter, damit diese eine Erkrankung auch in schwierigen Krankheitsphasen adäquat (selbst-)managen können.

Abstract

With rising costs in health care, especially in the area of pharmaceuticals, patients are expected to be more involved in managing their care. Concepts such as shared decision-making or self-management support in chronic illness have been suggested as a way to facilitate this process and to empower patients. It is unclear however, whether the self-responsible patient role outlined in these concepts aligns with the patient's needs. The aim of this paper is to examine this proposed self-responsible role with regard to the patient's medication management needs and to discuss whether self-responsibility and autonomy are suitable concepts when illness-related challenges become difficult or complex. Selected findings from a qualitative longitudinal study on medication management from the perspective of people with chronic conditions are presented. Results from interviews with 27 patients indicate that both the patient's view and the challenges people with chronic conditions face in everyday life remain a ‘blind spot’ in health care. Providing information to improve health literacy may not be enough; there is a need to systematically support patients in developing skills to adequately (self-)manage a chronic condition.

Literatur

1 Die Untersuchung war als Teilprojekt B2 (Studienphase I) in den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Pflegeforschungsverbund NRW eingebunden (Förderkennziffer: 01GT0315), der darauf abzielt, pflegeorientierte Konzepte zur Bewältigung chronischer Krankheit zu erarbeiten [22].

Korrespondenzadresse

Dr. J. W. Haslbeck

vormals Universität Bielefeld,

Fak. f. Gesundheitswissenschaften

Careum Stiftung (seit 2010)

Projekt Patientenbildung

Pestalozzistr. 3

CH-8032 Zürich

Schweiz

Email: joerg.haslbeck@careum.ch

    >