Gesundheitswesen 2014; 76(07): 440-445
DOI: 10.1055/s-0033-1364014
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Medizinische Versorgung von Migrantinnen und Migranten ohne legalen Aufenthaltsstatus – Eine Studie zur Rolle der Gesundheitsämter in Deutschland

Health Care for Undocumented Migrants – A Quantitative Study on the Role of Local Health Authorities in Germany
M. Mylius
1   Professur für Ethik in der Medizin, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
,
A. Frewer
1   Professur für Ethik in der Medizin, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
26. März 2014 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund:

Der kommunale Gesundheitsdienst sah bereits seit über einem Jahrhundert eine seiner wichtigen Aufgaben in der Fürsorge besonderer Gesundheitsgefährdungen ausgesetzter Bevölkerungsgruppen. Diesen Gedanken hat das Infektionsschutzgesetz mit dem § 19 IfSG wieder aufgegriffen. Sind Personen von Tuberkulose oder von sexuell übertragbaren Erkrankungen bedroht, kann der kommunale Gesundheitsdienst neben dem obligaten Beratungs- und Diag­noseangebot eine kostenlose ambulante Behandlung durchführen. Durch veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen und größere globale Mobilität könnte dies für MigrantInnen, die von der regulären Versorgung ausgeschlossen sind, zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Ziel der Studie:

Erfassung von Beratung, Untersuchung und Behandlung der MigrantInnen ohne legalen Aufenthaltsstatus auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes an Gesundheitsämtern in Deutschland.

Methodik:

Schriftliche Befragung aller Gesundheitsämter (n=384) in elektronischer Form mittels eines standardisierten Fragebogens. Die Auswertung des anonymisierten Fragebogens erfolgt deskriptiv-statistisch. Im Anhang des Fragebogens wurde um eine Fallstudie gebeten.

Ergebnisse:

139 der 384 befragten Gesundheitsämter haben den Fragebogen beantwortet (36,2%). Etwa ein Viertel (24,6%) der Gesundheitsämter schätzt, Kontakt zu „illegalen“ Mi­grantInnen zu haben. Der Kontakt findet in Städten mit≥100 000 Einwohnern signifikant häufiger statt als in Gesundheitsämtern, die ihren Sitz in kleineren Städten haben (p<0,05). 22,6% der Ämter bundesweit unternehmen Bemühungen, MigrantInnen ohne legalen Aufenthaltsstatus für Beratung und Diagnostik zu erreichen. 25 Gesundheitsämter (18,4%) gaben an, Behandlungen nach § 19 IfSG bereits durchgeführt zu haben. Die Mehrheit dieser Ämter hatte ebenfalls Kontakte (75%). Insgesamt bieten 16 Gesundheitsämter (13,3%) eine Therapie auch bei nicht im IfSG aufgeführten Krankheiten an. 56 Ämter (46,7%) verweisen darüber hinaus an Hilfsorganisationen oder an ärztliche Praxen.

Schlussfolgerungen:

Nur ein kleinerer Teil der Gesundheitsämter hat Kontakt zu MigrantInnen ohne Krankenversicherung. Die optionale ambulante Behandlung wird in wenigen Gesundheitsämtern insbesondere bei sexuell übertragbaren Erkrankungen außer HIV/AIDS durchgeführt. Undokumentierte MigrantInnen stellen meist nur eine Gruppe unter anderen dar. Die hohen Fallzahlen in Gesundheitsämtern in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern weisen auf den umfangreichen Bedarf hin.

Abstract

Background:

Public welfare on a municipal level for groups with special health risks has been an important topic of public health service for more than a century. This notion has been taken up by the German “Protection against Infection Act” (IfSG) in § 19 IfSG. Local health service authorities may provide out-patient treatment in addition to counselling and diagnosis for patients with sexually transmitted infections and tuberculosis, which is covered by public resources in cases of apparent need. Due to altered legislation and increased global mobility, this may become important for migrants without access to regular health care.

Objective:

Aims of this study were recording, counselling, diagnosis and out-patient treatment of migrants without legal residence status under the German Protection against Infection Act in the public health care system.

Methods:

An electronic mail survey of all local health authorities (n=384) by means of a standardised questionnaire was undertaken. Data were analysed using descriptive statistics. In the annex of the questionnaire the participants were asked to describe a case study.

Results:

139 of 384 local health authorities completed the questionnaire (36.2%) of whom approximately a quarter (24.6%) described contacts to “illegal” migrants. Contacts to migrants without legal residence status are more frequent in cities with more than 100 000 inhabitants than in ismaller cities (p<0.05). 22.6% of all local health authorities make an effort to reach undocumented migrants for counseling and diagnosis. 25 of the local health authorities (18.4%) indicated the capability to provide treatment in accordance with § 19 IfSG. A majority of these local health authorities also have contacts to undocumented migrants (75%). 16 local health authorities (13.3%) provide out-patient treatment for diseases not listed in Protection against Infection Act. 56 authorities (46.7%) refer patients to aid organisations or to resident doctors.

Conclusions:

Only a small number of local health authorities have contacts to migrants without health insurance. The option­al out-patient treatment is provided by few local health authorities especially in cases of sexual transmitted diseases except for HIV/AIDS. In most cases undocumented migrants are only one group among others. The large number of cases in cities with more than 500 000 inhabitants shows the massive requirements.