Gesundheitswesen 2015; 77(05): e112-e118
DOI: 10.1055/s-0034-1374618
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Leistungs- und tagesbezogene pauschale Vergütung in der stationären psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung – Eine Analyse der Anreizwirkungen des PEPP-Systems

Introduction of Performance- and Day-based Lump-sum Remuneration for Stationary Psychiatric and Psychosomatic Treatments in Germany – Analysis of Incentives of the PEPP System
C. Wolff-Menzler
1   Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen
,
C. Große
2   Professur für Finanzen und Controlling, Universität Göttingen, Göttingen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
17. Juni 2014 (online)

Zusammenfassung

Ziel des Beitrags: Das PEPP-System löst im stationären psychiatrischen und psychosomatischen Bereich die bisherige Leistungsvergütung durch Tagespflegesätze ab. Im Rahmen des Beitrages sollen die Anreizwirkungen des PEPP-Systems bezüglich der Verweildauer untersucht und mit den Anreizen des DRG-Systems und der bisherigen Leistungsvergütung im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich verglichen werden.

Methodik: Die Untersuchung basiert auf einer Analyse der sich aus den Entgeltsystemen ergebenden Erlösfunktionen. Auf Grundlage der Betrachtung der Grenzerlöse und in Abhängigkeit der Grenzkosten wird die gewinnoptimale Verweildauer abgeleitet. Aus ökonomischer Sicht besteht der Anreiz die erwartete Verweildauer an die ökonomisch optimale Verweildauer anzugleichen.

Ergebnisse: Bei degressivem Kostenverlauf und abnehmenden Grenzkosten liegt die ökonomisch optimale Verweildauer an der oberen Grenze der letzten Vergütungsstufe, in der die in diesem Zeitintervall anfallenden durchschnittlichen ­Grenzerlöse die durchschnittlichen Grenzkosten übersteigen oder es besteht der Anreiz, die Behandlung unbegrenzt auszudehnen. Im Gegensatz zum Anreiz zur Verweildauerverkürzung im DRG-System, kann ausgehend von der durchschnittlichen Verweildauer als erwartete Verweildauer ein Anreiz zur Verweildauerverkürzung oder -ausdehnung gegeben sein.

Schlussfolgerungen: Während im DRG-System unter Vernachlässigung von Kosteneinsparungsmaßnahmen eine Deckungsbeitragserhöhung im Wesentlichen nur durch Fallzahlsteigerungen möglich ist, können diese im PEPP-System auch durch Verweildauerveränderungen herbeigeführt werden. Die Begleitforschung zur Mengenentwicklung wird daher schwieriger als im somatischen Bereich. Diese zusätzliche Möglichkeit der Leistungssteigerung erzeugt einen Druck der Rechtfertigung der erbrachten Leistungsumfänge gegenüber den Krankenkassen, welcher den im somatischen Bereich übersteigt. Eine starke Abweichung zwischen medizinisch und ökonomisch indizierten Behandlungsdauern ist aus der Versorgungsperspektive kritisch zu betrachten. Diese könnte vom Gesetzgeber durch eine Erhöhung der Anzahl der Vergütungsstufen oder eine Berechnung der Kostengewichte auf Basis variabler Kosten bei separater Vergütung der Fixkosten gemildert werden. Mit dem TEPP-System und PEPPplus werden bereits Anpassungs- bzw. Erweiterungsvorschläge diskutiert.

Abstract

Purpose: This paper surveys the effects of day-based lump-sum remuneration as defined by the PEPP system on the patients’ length of stay and compares its incentives to the mechanisms of the German DRG system and the former remunera­tion system for stationary psychiatric and psychosomatic treatments.

Methods: The analysis identifies the economically optimal length of stay defined as the profit maximising duration of treatment by comparing marginal revenues and marginal costs. Since it is economically optimal to extend the treatment until the marginal costs exceed the marginal revenues, psychiatric and psychosomatic facilities are incentivised to minimise the time gap between average duration of treatment as expected duration of treatment and the economically optimal length of stay.

Results: Compared to the German DRG system, which provides a strong incentive to reduce length of stay, the incentives set by the PEPP system imply either a reduction or an extension of treatment duration depending on the underlying cost function. If a degressive cost function is assumed, which is typical for treatments of psychiatric and psychosomatic illnesses, the economically optimal duration of treatment will be at the last upper boundary of the interval of the marginal revenue function in which the average marginal revenues exceed the average marginal costs. It is also feasible that it is economically optimal to treat the patient for as long as possible. The hospital is incentivised to extend or reduce the time of treatment to this point in time.

Conclusions: Psychiatric and psychosomatic hospitals are able to increase their profits by reducing or extending time of treatment. Therefore these facilities have to justify the extent of treatment to the health insurance companies. Since the incentives of the PEPP system and the DRG system diverge, the results of research on supply induced demand in the DRG system cannot be transferred to the discussion about the effects of the introduction of the PEPP system. As long as the average duration of treatment as expected duration of treatment deviates from the economically optimal length of stay, policy makers should consider the options of adaptations, i. e., increase of time intervals or calculating cost weights based on variable costs combined with separate remuneration of fixed costs. The TEPP system and PEPPplus are already being discussed as adaptions or additions.