Gesundheitswesen 2014; 76(11): e69-e73
DOI: 10.1055/s-0034-1390408
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Herausforderungen einer integrativen und personalisierten Gesundheitsversorgung für die Gesundheitsökonomie und das Versicherungssystem[*]

Challenges of an Integrative and Personalised Health Care for Health Economics and the Insurance System
G.-G. Schoch
1   Hauptverwaltung, Fachbereich Arzneimittel, Techniker Krankenkasse, Hamburg
,
E. Würdemann
1   Hauptverwaltung, Fachbereich Arzneimittel, Techniker Krankenkasse, Hamburg
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
16. Oktober 2014 (online)

Zusammenfassung

Einleitung: „Stratifizierende Medizin“ ist ein Thema von zunehmender Bedeutung. Es gibt eine Vielzahl offener Fragen im Zusammenhang mit „Stratifizierender Medizin“. Dieser Artikel erläutert Definitionen, Chancen und Risiken sowie die wichtigsten Herausforderungen der „Stratifizierenden Medizin“ aus Sicht einer gesetzlichen Krankenkasse.

Definition: Eine wichtige offene Frage ist die Verwendung des Begriffs und der Definition. Es werden Termini wie „Personalisierte Medizin“, „Individualisierte Medizin“ oder „Stratifizierte Medizin“ verwendet. Die Techniker Krankenkasse bevorzugt „Stratifizierende Medizin“, da meist eine anhand von Biomarkern auf bestimmte Patientengruppen zugeschnittene Therapie gemeint ist.

Chancen und Risiken: An die „Stratifizierende Medizin“ richten sich diverse Hoffnungen, u. a. das Vermeiden wirkungsloser Therapien und die Früherkennung von Erkrankungen. Die „Stratifizierende Medizin“ birgt jedoch auch Gefahren, z. B. eine Zunahme der Fallzahl durch Behandlung von Erkrankungsrisiken, eine Pflicht zur Gesundheit und das Aufweichen von Kriterien der evidenzbasierten Medizin.

Herausforderungen: Die Komplexität der „Stratifizierenden Medizin“ ist eine große Herausforderung für alle Akteure im Gesundheitssystem. Es sind längst nicht alle Zusammenhänge verstanden. Die gesetzliche Krankenversicherung steht also vor der Herausforderung, innovative Therapiekonzepte frühzeitig allen Versicherten zugänglich zu machen, gleichzeitig jedoch nutzlose oder gar schadhafte Therapien von echten Innovationen abzugrenzen und die Gemeinschaft davor zu schützen. Der Information und Beratung von Patienten kommt im Zusammenhang mit der „Stratifizierenden Medizin“ eine ausgesprochene Bedeutung zu. Die gerechte Verteilung der Honorierung zwischen Diagnostik und Beratung stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Das Solidaritätsprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung wird möglicherweise durch sozial-ethische Fragestellungen der „Stratifizierenden Medizin“ herausgefordert.

Schlussfolgerung: Die „Stratifizierende Medizin“ bietet großes Potenzial, die medizinische Versorgung zu verbessern. Falsche Hoffnungen müssen dabei jedoch vermieden werden. Leistungserbringer und Kostenträger sollten im fachlichen Dialog gemeinsam zum Wohl der Patienten Chancen und Risiken abwägen.

Abstract

Objectives: “Stratifying medicine” is a topic of increasing importance in the public health system. There are several questions related to “stratifying medicine”. This paper reconsiders definitions, opportunities and risks related to “stratifying medicine” as well as the main challenges of “stratifying medicine” from the perspective of a public health insurance.

Definition: The application of the term and the definition are important points to discuss. Terms such as “stratified medicine”, “personalised medicine” or “individualised medicine” are used. The Techniker Krankenkasse prefers “stratifying medicine”, because it usually means a medicine that tailors therapy to specific groups of patients by biomarkers.

Opportunities and Risks: “Stratifying medicine” is associated with various hopes, e. g., the avoidance of ineffective therapies and early detection of diseases. But “stratifying medicine” also carries risks, such as an increase in the number of cases by treatment of disease risks, a duty for health and the weakening of the criteria of evidence-based medicine.

Challenges: The complexity of “stratifying medicine” is a big challenge for all involved parties in the health system. A lot of interrelations are still not completely understood. So the statutory health insurance faces the challenge of making innovative therapy concepts accessible in a timely manner to all insured on the one hand but on the other hand also to protect the community from harmful therapies. Information and advice to patients related to “stratifying medicine” is of particular importance. The equitable distribution of fees for diagnosis and counselling presents a particular challenge. The solidarity principle of public health insurance may be challenged by social and ethical issues of “stratifying medicine”.

Conclusion: “Stratifying medicine” offers great potential to improve medical care. However, false hopes must be avoided. Providers and payers should measure chances and risks of “stratifying medicine” together for the welfare of the patients.

*  Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde an manchen Stellen auf die Nennung beider geschlechtsspezifischer Formen verzichtet. Im Allgemeinen ist das jeweils andere Geschlecht ebenfalls gemeint.