Gesundheitswesen 2017; 79(10): 871-874
DOI: 10.1055/s-0042-108586
Übersichtsarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kaum aktuelle Daten zu Zweitmeinungsverfahren vorhanden – eine systematische Übersichtsarbeit

Limited Data for Second Opinion Programs: a Systematic ReviewJ. Ali1, D. Pieper2
  • 1Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie, Universität zu Köln, Köln
  • 2Institut für Forschung in der Operativen Medizin (IFOM), Universität Witten/Herdecke, Köln
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Publication Date:
14 June 2016 (eFirst)

Zusammenfassung

Ziel der Studie: Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz wurde Mitte 2015 § 27 b SGB V zur Zweitmeinung (ZM) in Deutschland gesetzlich verankert. Dies räumt den Versicherten in der GKV einen Rechtsanspruch auf eine ärztliche ZM bei planbaren operativen Eingriffen ein. Die zu berücksichtigenden Eingriffe sollen vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in Form einer Richtlinie festgelegt werden. Das Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit ist es, bisherige Ergebnisse aus vorhandenen Publikationen zu ZM im Bereich der elektiven operativen Eingriffe darzustellen und darauf hin zu analysieren, welche Eingriffe sich für die Einholung einer ZM am besten eignen.

Methodik: Die Datenbanken Medline und Embase, sowie zusätzlich Proquest und google scholar wurden im März 2015 recherchiert. Eingeschlossen wurden alle Primärstudien zu elektiven operativen Eingriffen aus der Chirurgie, Orthopädie oder Gynäkologie, die Übereinstimmungsraten zwischen Erst- und Zweitmeinung berichteten. Die Studienselektion und Studienbewertung wurde von 2 Gutachtern unabhängig voneinander durchgeführt. Unstimmigkeiten wurden bis zum Konsens ausdiskutiert Die Ergebnisse und Studiencharakteristika wurden im Anschluss extrahiert und analysiert.

Ergebnisse: Insgesamt erfüllten 17 Studien die Einschlusskriterien, wovon alle bis auf eine aus den USA stammten. Nur 3 Studien wurden in diesem Jahrtausend publiziert, während der Großteil der Studien Ende der 70er bis Mitte der 80er publiziert wurde. Die Übereinstimmungsraten variieren insgesamt sehr stark von 43,0% bis 95,5%. Hysterektomien (n=6), Cholezystektomien (n=5) und Knieoperationen (n=5) wurden am häufigsten in den Studien untersucht. Die Übereinstimmungsrate zwischen Erst- und Zweitmeinung betrug bei obligatorischer Zweitmeinung im Median für diese Eingriffe 77,9% (Spannweite: 72,7–92,0%), 92,0% (88,2–95,5%) bzw. 85,6% (76,1–93,5%) und bei freiwilliger Zweitmeinung 63,0% (58,0–66,7%) und 87,0% (78,0–87,9%), während für die Knieoperationen zu wenig Daten vorlagen.

Schlussfolgerung: Die vorhandene Datenlage ist stark veraltet, so dass kaum aktuelle Daten vorhanden sind. Für Deutschland liegen gar keine Daten vor. Es bleibt daher auch unklar, auf welcher Grundlage der G-BA die Auswahl für die entsprechende Richtlinie treffen wird. Die Ergebnisse lassen dennoch den Schluss zu, dass von ZM ein erhebliches Potenzial für das Gesundheitswesen ausgehen kann. ZM-Programme sollten im Rahmen kontrollierter Studien erprobt werden.

Abstract

Objective: According to a new legislation that will be set up in 2016, patients with an indication for elective surgery have the right to obtain a second opinion. The Federal Joint Committee has to provide a list of indications where this legislation will come into effect. The aim of this systematic review is to summarize available data on second opinion programs and to analyze the indications that should be covered by the new legislation.

Methods: Medline, Embase, Proquest and Google scholar were searched for relevant studies in March 2015. To be included, primary studies had to deal with a surgical, orthopedic or gynecological elective procedure, and report agreement between first and second opinion. Study selection and critical appraisal were carried out by 2 reviewers independently. Disagreements were resolved by discussion. Data were extracted and analyzed.

Results: In total, 17 studies fulfilled all inclusion criteria. All but one study were from the United States and only 3 studies have been published since 2000. The majority of studies were published in the 70 s and 80 s. Overall, agreement rates varied substantially from 43.0% to 95.5%. Most studies dealt with hysterectomy (n=6), cholecystectomy (n=5) and knee surgery (n=5). Median agreement rates for these procedures were 77.9% (range: 72.7–92.0%), 92.0% (88.2–95.5%) and 85.6% (76.1–93.5%), respectively, in obligatory second opinion programs and 63.0% (58.0–66.7%) and 87.0% (78.0–87.9%) in voluntary second opinion programs. Not enough data were available for knee surgery.

Conclusions: Current data on second opinion programs is very limited. There is no data for Germany. Following this, it remains unclear which data or evidence will be used by the Federal Joint Committee to set up the new legislation. However, the findings suggest a potential for second opinion programs. They should be investigated in controlled trials in future.