Schlüsselwörter
Ärztlicher Bereitschaftsdienst - Bereitschaftspraxen - Fahr- und Hausbesuchsdienst
- Telefonische Beratung - Telemedizin
Keywords
Out-of-hours Care - After-Hours Care - Home visits - Remote Consultation - Telemedicine
Hintergrund
Der gesetzliche Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen)
umfasst gemäß § 75 Abs. 1b SGB V die vertragsärztliche Versorgung auch während der
sprechstundenfreien Zeiten der Arztpraxen. Die KVen richteten dazu einen Ärztlichen
Bereitschaftsdienst (ÄBD) ein, welcher durch Akutleitstellen, unter der Rufnummer
116117 oder online 24/7, koordiniert wird. Während der fahrende Dienst die gesamte
sprechstundenfeie Zeit abdeckt, sind die Bereitschaftspraxen, meist nur zu
Tagesrandzeiten besetzt. Grundsätzlich sind alle niedergelassenen Ärzte aufgrund
ihrer Tätigkeit zur Teilnahme am ÄBD verpflichtet. Jedoch nehmen die KVen diese
Verpflichtung unterschiedlich wahr. Darüber hinaus sind die Handlungsmöglichkeiten
einen Qualitätsstandard durchzusetzen insofern eingeschränkt, dass Vertragsärzte,
aufgrund ihrer Selbständigkeit, nicht weisungsgebunden sind [1] und zugleich, naturgemäß ihrer
Spezialisierung, unterschiedliche Kompetenzen aufweisen. Derzeit steigen die
Erwartungen des Gesetzgebers an die Leistungsfähigkeit der Patientenservicestellen
(116117) und den ÄBD [2]. Aktuell
gewährleistet die bisherige apparative und personelle Ausstattung des ÄBDs aus Sicht
der Krankenhäuser keine ausreichend verlässliche Arbeitsteilung, um
Vorhalteaufwendungen in Notaufnahmen für vermeidbare Inanspruchnahmen der
Notfallversorgung reduzieren zu können [3].
Telemedizinische Angebote der KVen entlasten den ÄBD in den letzten Jahren zunehmend.
Daneben haben die Bereitschaftspraxen den Bedarf für Hausbesuche deutlich reduziert
[4]. Entwicklungen in der stationären
Versorgung zeigen, dass vernetzte Strukturen durch Teleintensivmedizin peripheren
Einrichtungen ermöglichen auf zentral vorgehaltene Ressourcen mit spezifischer
medizinischer Qualifikation zuzugreifen [5]
[6] und die Effizienz am
Standort steigert [7].
Da intersektorale Zusammenarbeit unter Bedingungen des Fachkräftemangels im
Gesundheitswesen möglichst ressourcenschonend gestaltet werden muss, sollte im
Rahmen der vorliegenden Arbeit durch eine Befragung der im ÄBD tätigen Ärzte geprüft
werden, welche fehlenden Ressourcen im ÄBD zu potenziell vermeidbaren Einweisungen
in Notaufnahmen führen und welches Potenzial für eine stärkere Nutzung
telemedizinischer Gestaltungsoptionen besteht, um solche Einweisungen zu
vermeiden.
Methodik
Die vorliegende Studie berichtet nach den „Checklist for Reporting of Survey Studies“
(CROSS) Kriterien [8].
Datenerhebung
Vom 01. Juni bis 31. August 2023 wurde eine anonyme online gestützte
Fragebogenerhebung auf der Plattform LimeSurvey Version 5 als Querschnittstudie
mit Convenience Sampling durchgeführt. Adressaten der Erhebung waren im ÄBD
tätige Ärzte in 13 KVen. Die Einladung zur Teilnahme erfolgte per
E-Mailverteiler über die beteiligten KVen. Einige KVen führten gezielte
Nachfassmaßnahmen durch wiederholtes Versenden von E-Mails mit Aufforderung zur
Teilnahme durch. Eine Mehrfachteilnahme wurde durch Cookie Setzung
verhindert.
Studienpopulation
In die Studie eingeschlossen wurden Ärzte aller Geschlechter und Altersgruppen,
die in den teilnehmenden KV-Bereichen aktiv im ÄBD tätig sind. Ausgeschlossen
wurden Ärzte, die von der Teilnahme am ÄBD befreit sind.
Fragebogen
In Zusammenarbeit mit den beteiligten KVen wurde ein Fragebogen entwickelt (siehe
Online-Supplement). Dieser umfasst 18 Fragen (zzgl. 4 möglicher Unterfragen)
gegliedert nach demografischen und beruflichen Charakteristika, Ressourcenbedarf
im ÄBD sowie der Nutzung und dem Potenzial von telemedizinischen Angeboten im
ÄBD. Es wurde nach Alter und Geschlecht der Fachrichtung und der üblichen
Tätigkeit sowie Tätigkeitsdauer, -bereich und Leitungsfunktion im ÄBD gefragt.
Darüber hinaus wurde die Einschätzung bezüglich der Ursachen von vermeidbaren
Einweisungen in Zusammenhang mit fehlendem Ressourcenzugang zu Labordiagnostik,
radiologischer Diagnostik und Konsilen in fachfremden Gebieten eingeholt. Des
Weiteren erfolgten Angaben zu unlängst genutzten telemedizinischen Angeboten.
Abschließend wurde die Einschätzung zum Potenzial von telemedizinischen
Tätigkeitsbereichen, von telemedizinischer Unterstützung bei Hausbesuchen sowie
grundsätzlich im ÄBD eingeholt. Erhoben wurden die Antworten anhand von
Single-Choice-, Multiple-Choice- und Freitextfeldern. Der Fragebogen wurde in
einem Pretest mit vier im ÄBD tätigen Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen
und Berufserfahrungen getestet.
Auswertung
Die Datenauswertung erfolgte mithilfe der Statistik-Software R [9]. Signifikanztests wurden zum
Signifikanzniveau von 0,05 durchgeführt. Die Antworten wurden zunächst
deskriptiv beschrieben und getrennt nach aggregierten Fachgruppen
(Allgemein-/Innere Medizin, Pädiatrie, Sonstige) ausgewertet. Freitextantworten
wurden gesichtet. Die vierstufige Likert-Skala („Sehr hoch“/„Eher hoch“/„Eher
niedrig“/„Sehr niedrig“) wurde in der Auswertung in zwei Stufen zusammengefasst
(„Hoch“/„Niedrig“), um die Komplexität für statistische Tests zu reduzieren. Für
Vergleiche zwischen verschiedenen Gruppen wurden der Chi-Quadrat-Test mit
Bonferroni-Holm-Korrektur und der Kruskal-Wallis-Test angewandt.
Datenschutz
Die Teilnahme an der Fragebogenerhebung war nach schriftlicher Aufklärung und
Einwilligung möglich. Die EU-Datenschutzgrundverordnung, das Berliner
Datenschutzgesetz und die Deklaration von Helsinki in ihrer aktuellen Fassung
wurden berücksichtigt.
Ergebnisse
Im Studienzeitraum wurde der Fragebogen 5677 mal aufgerufen. 4052 Ärzte nahmen
abschließend an der Befragung teil ([Tab.
1]).
Tab. 1 Charakteristika der Befragten
|
Charakteristikum
|
n
|
Anteil in %
|
|
Alter (n=4043)
|
|
Unter 30 Jahre
|
4
|
0,1
|
|
30 bis 39 Jahre
|
434
|
10,7
|
|
40 bis 49 Jahre
|
996
|
24,6
|
|
50 bis 59 Jahre
|
1359
|
33,6
|
|
60 bis 69 Jahre
|
1032
|
25,5
|
|
Über 70 Jahre
|
218
|
5,4
|
|
Geschlecht (n=4036)
|
|
Divers
|
13
|
0,3
|
|
Männlich
|
2308
|
57,2
|
|
Weiblich
|
1715
|
42,5
|
|
Fachrichtung (n=3838)
|
|
Allgemeinmedizin
|
1634
|
40,3
|
|
Innere Medizin
|
648
|
16,0
|
|
Pädiatrie
|
433
|
10,7
|
|
Gynäkologie
|
154
|
3,8
|
|
Augenheilkunde
|
134
|
3,3
|
|
Orthopädie
|
126
|
3,1
|
|
Chirurgie
|
117
|
2,9
|
|
Hals-Nasen-Ohren Heilkunde
|
90
|
2,2
|
|
Neurologie
|
75
|
1,9
|
|
Urologie
|
63
|
1,6
|
|
Kardiologie
|
43
|
1,1
|
|
In Weiterbildung
|
22
|
0,5
|
|
Sonstiges
|
299
|
7,4
|
|
Berufserfahrung (n=4037)
|
|
Unter 1 Jahr
|
5
|
0,1
|
|
1 bis 3 Jahre
|
13
|
0,3
|
|
4 bis 5 Jahre
|
67
|
1,7
|
|
6 bis 10 Jahre
|
331
|
8,2
|
|
Über 10 Jahre
|
3621
|
89,7
|
|
Haupttätigkeit (n=3876)
|
|
Niedergelassen
|
3119
|
77,2
|
|
Angestellt in einer Vertragsarztpraxis
|
302
|
7,5
|
|
Angestellt in einem Klinikum
|
190
|
4,7
|
|
Im Ruhestand
|
155
|
3,8
|
|
Honorararzt
|
100
|
2,5
|
|
Ohne Tätigkeit
|
10
|
0,2
|
|
Bereich im ÄBD (n=3979)
|
|
Fahr-/Hausbesuchsdienst
|
1237
|
31,1
|
|
Fahr-/Hausbesuchsdienst mit fachspezifischem Schwerpunkt
(HNO/Augenheilkunde etc.)
|
16
|
0,4
|
|
Telefonischer Beratungsdienst
|
45
|
1,1
|
|
Bereitschaftspraxen
|
2053
|
51,6
|
|
Bereitschaftspraxen für Kinder und Jugendliche
|
448
|
11,3
|
|
Bereitschaftspraxen mit fachspezifischem Schwerpunkt
(HNO-/Augenheilkunde etc.)
|
180
|
4,5
|
|
Leitungsfunktion (n=4026)
|
|
Ja
|
397
|
9,9
|
|
Nein
|
3629
|
90,1
|
ÄBD: Ärztlicher Bereitschaftsdienst, HNO: Hals-Nasen-Ohren
Fehlende Ressourcen im ÄBD
Auf die Frage nach fehlenden Ressourcen, die potenziell vermeidbare Einweisungen
in die Notaufnahme verursachen, gaben 50,5% (n=4052) der Teilnehmer an, dass
ihnen Labordiagnostik fehlt. Sonographie (n=4052; 44,6%), fachfremde Beratung
(n=4052; 40,6%) und fehlende Röntgendiagnostik (n=4052; 37,2%) sind weitere
Restriktionen. Am seltensten wurden CT- (n=4052; 25,1%) und MRT-Untersuchungen
(n=4052; 21,5%) als fehlende Ressource erachtet. Die tiefergehende Analyse nach
Fachgruppen ergab signifikante Unterschiede in der Einschätzung, welche
Ressourcen im ÄBD zur Verhinderung von Einweisungen notwendig wären ([Abb. 1]). Allgemeinmediziner und
Internisten (n=2282) gaben im Vergleich zu anderen Fachgruppen (n=1337),
signifikant häufiger einen fehlenden Zugang zu Labor, Sonographie und Röntgen
als fehlende Ressource an. Im Vergleich zu Pädiatern (n=433) fehlten
Allgemeinmedizinern und Internisten häufiger Bildgebung (CT, Röntgen,
Sonographie), Labor und Beratung durch andere Disziplinen. Pädiatern fehlten im
Vergleich zu anderen Fachgruppen häufiger die Befundung von Röntgen und
CT-Untersuchungen sowie fachfremde Beratung anderer Fachgruppen.
Abb. 1 Fehlende diagnostische Ressourcen je Fachgruppe, die eine
Einweisung in die Notaufnahme erforderlich machen. n=4052,
Mehrfachauswahl. CT-Computertomographie;
MRT-Magnetresonanztomographie
Befragte, die einen fehlenden Zugang zu Laborressourcen dokumentierten (n=2048),
gaben am häufigsten an, dass ein kleines Blutbild (76,8%), Troponin-T-Nachweis
(67,9%), D-Dimere (66,6%) oder eine Blutchemieuntersuchung (61,0%) für ihre
Tätigkeit im ÄBD fehlten.
Die Ärzte konnten angeben, welche Fachrichtungen bei telemedizinischer
Rücksprache erforderlich wären. Am häufigsten wurde über alle Fachgruppen hinweg
(n=4.052) die Vorhaltung von neurologischen (41,4%) und pädiatrischen (37,1%)
Konsilen angegeben. Am seltensten wurden allgemeinmedizinische (15,2%),
urologische (22,4%) und internistische (23,4%) Konsile als notwendig erachtet.
Unter den Allgemeinmedizinern/Internisten (n=2282) wurde der Bedarf an
Rücksprache für Neurologie (47,6%), Pädiatrie (41,0%) und Augenheilkunde (37,9%)
am häufigsten gewählt. Unter den weiteren Fachrichtungen (n=1337) wurde am
häufigsten ein Bedarf an telemedizinischer Rücksprache mit Neurologen (38,8%),
Pädiatern (38,1%), Internisten (36,0%) und Kardiologen (35,9%) gesehen.
Telemedizinisches Potenzial im ÄBD
Im Kontext des telemedizinischen Potenzials im ÄBD wurde zunächst der aktuelle
Nutzungsgrad (n=4052) telemedizinischer Angebote erfragt. Am häufigsten wurde
die Labordatenübermittlung angegeben, die von 10,1% der Teilnehmenden genutzt
wird. Diagnostische Geräte mit Möglichkeit zur Fremdbefundung nutzen bereits
5,2%, die Unterstützung zur fachfremden Befundung 4,6% und Videokonsultation
4,1%. Eine telemedizinische Befundung von Röntgendiagnostik (1,8%) und
Sonografie (0,7%) kamen am seltensten zum Einsatz.
Das höchste Potenzial für telemedizinische Anwendungen sahen die Befragten
(n=4052) bei der fachlichen Rücksprache für fachfremde Erkrankungsbilder (71,6%)
oder fachfremde Therapien (70,6%) sowie die Befundung von radiologischer
Diagnostik (71,3%). Am niedrigsten wurde das Potenzial für Auskultation (80,0%),
urologische/gynäkologische Untersuchungen (73,6%) und Untersuchungen am
Bewegungsapparat (72,6%) eingeschätzt.
Die Ärzte gaben zu 66,9% (n=3718) an, dass Hausbesuche durch nicht ärztliches
Personal telemedizinisch unterstützt werden könnten. Signifikante Unterschiede
zeigten sich zwischen den Einsatzbereichen im ÄBD: Ärzte in einer
Bereitschaftspraxis waren zu 68,7% (n=1117) der Meinung, dass die
telemedizinische Unterstützung von Hausbesuchen sinnvoll ist. Ärzte im Fahr- und
Hausbesuchsdienst teilten diese Auffassung zu 62,6% (n=1117).
Insgesamt 64,9% (n=3624) aller Befragten schätzen den Anteil der potenziell
telemedizinischen Behandlungsfälle im ÄBD auf unter 20%. Im Median lag der
Anteil bei 15% und im arithmetischen Mittel bei 22,3%. Ärztinnen gaben mit
durchschnittlich 24,5% ein signifikant (n=3613) höheres Potenzial für an als
Ärzte (20,8%). Beim Alter (n=3620), den Fachgruppen (n=3624) und den
Haupttätigkeiten (n=3616) zeigten sich ebenfalls signifikante Unterschiede.
Ärzte der Altersgruppe 30–39 Jahre sahen mit 28,9% das höchste Potenzial,
während die 60–69-Jährigen es mit 18,8% am niedrigsten einschätzten. Orthopäden
(31,3%), Neurologen (29,1%) und Gynäkologen (28,0%) schätzten das Potenzial am
höchsten ein, wohingegen die Pädiater (17,3%), Augenärzte (20,0%) und Urologen
(20,5%) die niedrigsten durchschnittlichen Bewertungen angaben. Angestellte
Ärzte im Klinikum (29,2%) oder der Vertragsarztpraxis (24,2%) schätzen den
Bedarf am höchsten ein. Das niedrigste Potenzial sahen Ärzte im Ruhestand
(16,3%), Honorarärzte (21,5%) und Niedergelassene (22,1%).
Diskussion
Digitalisierung im Gesundheitswesen
Die Integration telemedizinischer Anwendungen würde nicht nur die Effizienz
steigern, sondern auch Versorgungsengpässe in peripheren Regionen entschärfen
können [10]. Ein zentrales Ergebnis der
vorliegenden Befragung ist der hohe Bedarf an telemedizinischen Konsilien,
insbesondere in den Bereichen Neurologie (41,4%) und Pädiatrie (37,1%). Diese
Ergebnisse stehen im Einklang mit Studien, die zeigen, dass Pädiatrie und
Neurologie häufig komplexe und fachspezifische Beratungen erfordern, die durch
telemedizinische Lösungen unterstützt werden können [11]
[12]. Gleichzeitig zeigt der geringe Nutzungsgrad von
telemedizinischer Rücksprache für Allgemeinmedizin und Urologie (15,2% bzw.
22,4%), dass der Bedarf an telemedizinischer Unterstützung stark von der
Fachrichtung abhängt. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse aus Deutschland
belegen, dass bei telemedizinischer Unterstützung keine signifikanten
Unterschiede in der Diagnosegenauigkeit zwischen vor Ort tätigen Notärzten und
Telenotärzten bestehen, insbesondere bei nicht akut lebensbedrohlichen Fällen
[13]
[14]. Es zeigt sich zudem, dass die
Notarztquote bei Einsätzen von Rettungswägen mit telemedizinischer
Konsultationsoption um mehr als 20% gesenkt werden kann [15]. Im ländlichen Raum ergeben sich
zusätzliche Effizienzgewinne durch die Einsparung von Fahrtzeiten, was die
Verfügbarkeit von ärztlichem Personal erhöht, und die Ressourcenverteilung
verbessert [16].
Fehlende Ressourcen, diagnostische Einschränkungen im ÄBD und
telemedizinisches Potenzial
Fehlende Labordiagnostik (50,5%), Sonographie (44,6%) und Röntgendiagnostik
(37,2%) werden von den Ärzten als Gründe für vermeidbare Einweisungen in die
Notaufnahmen angegeben. Diese Ergebnisse spiegeln Erkenntnisse aus anderen
Studien wider, die zeigen, dass der Zugang zu diagnostischen Verfahren
essenziell ist, um unnötige Krankenhausaufenthalte zu vermeiden [17]. Besonders hervorzuheben ist der
Bedarf an spezifischen Laborparametern wie D-Dimeren (66,6%) und Troponin-T
(67,9%), die entscheidend für die Differenzialdiagnose akuter Erkrankungen sind.
Mobile Diagnostikeinheiten (insbesondere Sonographie), point-of-care-Labore oder
die Nutzung vorhandener Infrastruktur in nahegelegenen Kliniken oder ÄBD-Praxen
könnten Lösungsansätze bieten, um telemedizinische Konsile sinnvoll zu
ergänzen.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, telemedizinische Diagnostik in
den ÄBD zu integrieren, um zeitkritische Entscheidungen zu erleichtern. Die
Befragung zeigt, dass telemedizinische Anwendungen wie fachliche Rücksprachen
(71,6%) und radiologische Befundungen (71,3%) von den Ärzten als besonders
vielversprechend eingeschätzt werden. Dies stimmt mit der Literatur überein, die
aufzeigt, dass Telekonsile und radiologische Ferndiagnostik bereits erfolgreich
implementiert wurden und die Versorgungsqualität signifikant verbessern können
[18]. Der geringe Einsatz
telemedizinischer Technologien wie Videokonsultationen (4,1%) und
telemedizinischer Sonographien (0,7%) deutet jedoch darauf hin, dass technische
und organisatorische Barrieren bestehen. Diese Diskrepanz zwischen Potenzial und
aktueller Nutzung erfordert weitere Forschung und Investitionen, um die
Akzeptanz und Implementierung zu verbessern. Eine erste Studie für ein
sektorenübergreifendes Versorgungskonzept zeigt ein hohes Potenzial [19]. Die telemedizinische Diagnostik hat
sich in einigen Anwendungsfeldern bereits bewährt, etwa bei der Befundung von
EKGs [13] und dermatologischen
Untersuchungen [20].
Bisherige Erfahrungen mit dem Einsatz telemedizinischer Komponenten in der
Akut- und Notfallversorgung
Die Inanspruchnahme der Notfallstrukturen geht zu erheblichen Teilen auf Personen
ohne dringlichen Versorgungsbedarf zurück [21]
[22]
[23]. Die Entlastung der Notaufnahmen um
ambulant behandelbare Fälle zu den Zeiten des ÄBD könnte durch eine gesteigerte
Nutzung telemedizinischer Möglichkeiten verbessert werden. Darüber hinaus könnte
ein verbesserter Zugang zu Labordiagnostik, Sonographie und fachfremder
Beratung, die am häufigsten genannten Restriktionen mit Einweisungsfolge
reduziert werden. So könnten telemedizinische Konsile in den Bereichen
Neurologie, Pädiatrie und Radiologie die Diagnostik und Behandlung im ÄBD
unterstützen. Zudem könnten Hausbesuche durch nicht ärztliches Personal mithilfe
telemedizinischer Hilfsmittel effizient und qualitativ hochwertig durchgeführt
werden [15]. In einem Modellprojekt,
bei dem examinierte Gesundheitsfachkräfte mithilfe telemedizinischer Beratung
Hausbesuche bei Akutfällen im ÄBD durchführten, konnte in 63,5% der Fälle eine
abschließende Versorgung sichergestellt werden. Die Patienten zeigten eine sehr
hohe Akzeptanz dieser Versorgungsform (94,5%) [24]. 66,9% der Befragten erachten die
telemedizinische Unterstützung nicht ärztlicher Fachkräfte bei Hausbesuchen als
sinnvoll. Allerdings wäre dies mit einem grundlegenden Umbau der medizinischen
Versorgung zu Bereitschaftsdienstzeiten verbunden. Möglichkeiten der Delegation
an nicht ärztliche Fachberufe in der Peripherie könnten durch ein breiteres
Spektrum fachärztlicher Kompetenz im Wege der Telemedizin erweitert und
unterstützt werden. Projekte, wie das Telenotarztsystem und die telemedizinisch
unterstützten Gesundheitsfachkräfte bei Hausbesuchen in Niedersachsen zeigen,
dass die Kombination aus technischer Unterstützung und menschlicher Expertise
ein zukunftsfähiges Modell für die Gesundheitsversorgung darstellt [24]
[25]. Darüber hinaus erscheint es sinnvoll, auch organisatorische
Maßnahmen wie eine verbesserte Vernetzung zwischen ÄBD, Rettungsdienst und
Notaufnahmen sowie den Einsatz strukturierter Ersteinschätzungsverfahren (z. B.
Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED)) zu stärken,
um Patientenströme gezielter zu steuern [26]. Langfristig könnten Notdienstpraxen oder integrierte
Notfallzentren (INZ) an Krankenhausstandorten eine zentrale Rolle spielen, indem
sie Triagefunktion, ambulant nutzbare diagnostische Infrastruktur und
telemedizinische Expertise bündeln. Dies könnte die Versorgungseffizienz
erhöhen, sofern eine Fokussierung der Inanspruchnahme auf diese Standorte
erfolgt. Zudem erfordert die Umsetzung telemedizinischer Konsile eine
koordinierte Struktur, die digitale Konsile, dezentrale Bereitschaftspraxen,
mobile Einsatzteams und telemedizinische Unterstützung integriert.
Modellprojekte wie in Niedersachsen [24]
[25] verdeutlichen, dass
ein solches mehrstufiges, vernetztes System sowohl die Versorgungsqualität als
auch die Ressourcennutzung verbessern kann.
Gleichzeitig zeigt sich, dass fehlende Labor- und Bildgebungskapazitäten sowie
organisatorische Barrieren nach wie vor zentrale Limitierungen darstellen. Eine
nachhaltige Verbesserung der Versorgung erfordert daher nicht nur die
Implementierung digitaler Konsile und telemedizinischer Hausbesuche, sondern
auch die gezielte Erweiterung diagnostischer Ressourcen sowie die Integration
der Telekonsile in organisatorische Strukturen der Akutversorgung, die räumlich
begrenzte Ressourcen wie Labor und radiologische Bildgebung vorhalten.
Zukünftige Studien sollten untersuchen, wie eine integrierte Versorgungsstruktur
– bestehend aus telemedizinischer Unterstützung, dezentralen ÄBD-Praxen, mobilen
Einsatzteams und strukturierten Ersteinschätzungsverfahren – die
Einweisungszahlen und die Versorgungsqualität im ÄBD beeinflussen kann. Ein
solcher Forschungsfokus könnte dazu beitragen, evidenzbasierte Empfehlungen für
die Weiterentwicklung des ÄBD zu formulieren und die Versorgungssituation für
Patientinnen und Patienten langfristig zu verbessern.
Stärken und Limitationen
Die vorliegende Studie stellt die erste Untersuchung ihrer Art dar, die sich
speziell mit den im ÄBD tätigen Ärzten befasst und auf fehlende Ressourcen und
ergänzende telemedizinischen Potenziale hinweist. Bislang existieren in der
Literatur keine vergleichbaren Befragungen, wodurch ein direkter Vergleich oder
eine Validierung der Ergebnisse erschwert wird.
Aufgrund von Limitationen, die im Untersuchungsgegenstand selbst und im Zugang zu
den im ÄBD tätigen Ärzten liegen, kann dieser Untersuchung nur ein explorativer
Charakter zukommen. Ein Grund liegt in der Heterogenität der Regelungen zur
Dienstverpflichtung im ÄBD. Hier variieren die Anforderungen stark zwischen den
Bundesländern [27]. Häufig wird der ÄBD
durch sogenannte Pool- oder Honorarärzte ergänzt. Diese regionalen Unterschiede
sowie der hausärztlich/internistische Schwerpunkt in den Bereitschaftspraxen zur
Erwachsenenversorgung erschweren eine präzise Erfassung und spiegeln sich auch
in der Befragung wider. Allgemeinmediziner und Internisten sind in den
Ergebnissen überrepräsentiert, während andere Fachgruppen möglicherweise
unterrepräsentiert sind. Dies könnte zu einer Verzerrung der Wahrnehmung
bezüglich fehlender Ressourcen führen. Auch aufgrund des indirekten Zugangs zu
den Teilnehmenden kann keine Repräsentativität im statistischen Sinne
hergestellt oder angenommen werden. Zwar richtete sich die Befragung
grundsätzlich an alle in der vertragsärztlichen Versorgung tätigen Ärzte
(n=154630), jedoch ist unklar, welcher Anteil der potenziell erreichbaren
Personen durch die jeweiligen KVen erreicht wurde. Hinzu kommt, dass für den
Befragungszeitraum keine Gesamtanzahl, der im ÄBD tätigen Poolärzte in den KVen
vorliegt. Dennoch ermöglicht die hohe Fallzahl und die überregionale Beteiligung
aus 13 KVen eine Betrachtung relevanter Subgruppen.