Gesundheitswesen 2015; 77(11): 848-853
DOI: 10.1055/s-0034-1387715
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Bloß diesen Sinn kann man nicht so gut verstehen… wegen den Wörtern“ – Qualitative Studie zur Bedarfsgerechtigkeit von Gesundheitsinformationen für sozial Benachteiligte

‘Just its Meaning is Hard to Understand … Because of the Words’ – A Qualitative Study on the Suitability of Health-Related Information for Socially Disadvantaged People
U. Leistner
1  Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Leipzig
,
C. Kretzschmann
1  Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Leipzig
,
A. M. Heil
1  Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Leipzig
,
C. Menkouo
1  Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Leipzig
,
G. Grande
2  Universität Bremen, Abteilung 2 Prävention und Gesundheitsförderung Fachbereich 11, Bremen
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Publication History

Publication Date:
30 September 2014 (online)

Zusammenfassung

Sozial benachteiligte Personen haben hinsichtlich der Risikoprävalenz vermutlich einen besonders großen Bedarf an gesundheitsbezogenen Informationen und Prävention, aber diese Zielgruppe wird nur sehr schlecht erreicht. Es sollte überprüft werden, ob vorhandene Gesundheitsinformationen den Bedarfen sozial benachteiligter Personen gerecht werden. In einer qualitativen Studie wurden im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bereits veröffentlichte Materialien von sozial Benachteiligten mit geringem Einkommen, niedrigem sozialen Status und geringer Bildung bewertet. In Einzelinterviews wurden 28 Personen zur Bedarfsgerechtigkeit von 7 verschiedenen Gesundheitsinformationen (4 Texte und je ein Film, Quiz, Flyer) befragt. Die Gespräche wurden digital aufgezeichnet, entlang der Leitfragen in Wortprotokollen transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Befragten das Medienformat Film aufgrund der Anschaulichkeit der Inhalte durchweg positiv bewerten. Bei textbasierten Gesundheitsinformationen gefallen besonders eine übersichtliche Textstruktur und die Verwendung von Fallbeispielen. Die Glaubwürdigkeit der Informationen wird von allen Befragten bestätigt. Probleme zeigen sich hinsichtlich der Verständlichkeit und Informationstiefe. Zahlreiche Fach- und Fremdwörter werden trotz Erläuterung im Text nicht verstanden. Kompakte Inhalte und das Anführen mehrerer Behandlungsalternativen überfordert. Zudem behindern Fehlinterpretationen von Prozentangaben oder verneinten Häufigkeiten das Verstehen von Gefährdungspotentialen. Ein freiwilliges Lesen textbasierter Gesundheitsinformationen im Alltagskontext wird von einem Teil der Befragten wegen des Umfangs in Frage gestellt. Gewünscht werden eindeutige Handlungsempfehlungen, die eine aktive informierte Entscheidungsfindung abnehmen. Großes Interesse besteht an alltagspraktischen Hinweisen und der Berücksichtigung persönlicher Betroffenheit. Es wird deutlich, dass die Gesundheitsinformationen des IQWiG den Bedürfnissen dieser Zielgruppe nur eingeschränkt gerecht werden. Ein bloßes sprachliches Vereinfachen der Inhalte greift jedoch zu kurz. Vielmehr bedarf es einer stärkeren Berücksichtigung der Lebenswelt der Zielgruppe und einer alltagspraktischen Wissensvermittlung.

Abstract

Due to a higher prevalence estimates of risk factors, it is assumed that socially disadvantaged persons have a considerable need for health-related information and prevention. Yet this target group is hardly ever reached. There is a need to examine whether available health-related information is appropriate for the needs of socially disadvantaged people. On behalf of the Institute for Quality and Efficiency in Health Care (IQWiG) a qualitative study was conducted to evaluate published health-related information by socially disadvantaged people. Semi-structured interviews were carried out with 28 persons with low income, low occupational status and a very low education level. 7 different types of health information (4 texts and 1 film, quiz and flyer each) were evaluated regarding their suitability. The interviews were audio-taped, transcribed according to protocol, and qualitatively analysed in view of the central questions. Respondents evaluate the film format most positively, because of the vividness of the contents. In text-based information, a clear structure of the text and the use of case examples are particularly advantageous. All respondents accept the credibility of the given information. Problems occur regarding the comprehensibility and sentence structures with complex information. Numerous technical terms and foreign words remain misunderstood, even though explanations are given in the text. Compact contents and the description of several alternative therapy options are experienced as overstraining. Furthermore, the recognition of hazard potentials is hindered by misinterpretation of percentages or negated descriptions of frequencies. Some respondents doubt that they would read text-based health information voluntarily in their everyday life, especially when texts are lengthy. The respondents wish clear guidance, which relieves them of an active informed decision-making. They prefer advice they can apply in their everyday life and to recognise their personal affliction in the information. It becomes apparent that the health-related information published by the IQWiG only partly meets the needs of socially disadvantaged people. But a mere simplification of the content seems insufficient. Instead a more detailed consideration of the personal circumstances of the target group and a better communication of practical information are needed.