Rehabilitation (Stuttg) 2011; 50(1): 44-56
DOI: 10.1055/s-0030-1254130
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Berufliche Zukunft” – Konzept und Akzeptanz eines Behandlungsprogramms bei sozialmedizinisch relevanter beruflicher Problemlage

“Vocational Perspective” – Concept and Acceptance of a Group Treatment for Patients with Extensive Work-Related ProblemsM. Dorn1 , A. Bönisch1 , I. Ehlebracht-König1 , 2
  • 1Rehazentrum Bad Eilsen der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover
  • 2Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Rehabilitationsmedizin, Koordinierungsstelle Angewandte Rehabilitationsforschung
Further Information

Publication History

Publication Date:
14 February 2011 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Das Behandlungsprogramm „Berufliche Zukunft” wurde für Patienten mit längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten bzw. Arbeitsplatzverlust aus gesundheitlichen Gründen, unsicherer beruflicher Zukunft und sozialmedizinischer Problematik entwickelt. Es beabsichtigt die Vermittlung der gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu Fragen der Erwerbsminderung und der beruflichen Wiedereingliederung sowie eine frühzeitige Rückmeldung der sozialmedizinischen Einschätzung innerhalb der stationären Rehabilitation. Die Auseinandersetzung mit der eigenen beruflichen Situation soll bei den Teilnehmern angeregt und die Motivation zum Verbleib im Erwerbsleben gestärkt werden. Das Behandlungsprogramm wird in Form eines Seminars durchgeführt, hat eine psychoedukative Ausrichtung und umfasst fünf Module sowie eine sozialmedizinische Zwischenvisite. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, die Akzeptanz des neu entwickelten Therapieprogramms zu prüfen.

Methodik: 179 Patienten nahmen im Rahmen einer kontrollierten quasiexperimentellen Studie an insgesamt 21 Seminaren „Berufliche Zukunft” teil. Die vorgestellten Daten zur Akzeptanz der Intervention wurden nach dem letzten Modul mit einem Fragebogen erfasst. Die Patientenperspektive wird ergänzt durch eine Beschreibung der Erfahrungen mit der Umsetzung.

Ergebnisse: Die Identifikation von Probanden mit einer sozialmedizinisch relevanten Problemlage scheint gelungen: Die soziodemografischen und sozioökonomischen Parameter der Studienstichprobe zeigen, dass es sich in sozialmedizinischer Hinsicht um eine Hochrisikogruppe mit niedrigem Bildungsstand, hoher Arbeitslosigkeit und langen Arbeitsunfähigkeitszeiten handelt. Die Gruppe erlebte sich als hoch belastet (z. B. durch berufliche Situation, Angst, Depressivität) und wünschte sich Informationen hinsichtlich berufsrelevanter Fragen. Die Seminarteilnehmer akzeptierten die Intervention insgesamt gut (Wichtigkeit, Verständlichkeit, Nutzen der Information, Gruppenatmosphäre, Art und Umfang der Intervention). Immerhin 82,7% der Teilnehmer würden das Seminar anderen Patienten in einer schwierigen beruflichen Situation weiterempfehlen. Die Erfahrungen mit der Umsetzung sind insgesamt positiv zu bewerten, weisen aber auch auf einen hohen Aufwand im Bereich der Organisation sowie auf hohe Anforderungen an die Gruppenleitung hin. Notwendig ist darüber hinaus die Bereitschaft der Ärzte zu einem transparenten Vorgehen bei der sozialmedizinischen Einschätzung.

Schlussfolgerung: Durch das Seminar „Berufliche Zukunft” können die Informationsbedürfnisse der ausgewählten Patientengruppe hinsichtlich sozialrechtlicher Grundlagen und Möglichkeiten der beruflichen Veränderung berücksichtigt werden. Es bietet zudem die Möglichkeit, die sozialmedizinische Thematik innerhalb des Rehabilitationsprozesses zu kanalisieren und zu bearbeiten. Damit kann das Programm eine sinnvolle Ergänzung der regulären medizinischen Rehabilitation darstellen. Für eine abschließende Bewertung müssen die an anderer Stelle beschriebenen Evaluationsergebnisse zu den kurz- und mittelfristigen Effekten im Vergleich zur Kontrollgruppe hinzugezogen werden.

Abstract

Background: The treatment programme “Vocational Perspective” was developed for patients with health-related social problems, e. g. long-term sick leave, job loss due to disability, job insecurity and psychosocial disabilities. It intends the patient-oriented imparting of information referring to social system, legal rights, earning capacity and occupational reintegration as well as an early feedback of the sociomedical assessment by the physicians. Participants during in-patient rehabilitation are supported to deal with their occupational situation; motivation to stay employed is strengthened. The group programme contains five psychoeducative modules and an additional sociomedical “ward round”. The aim of the study was to examine the acceptance of the newly developed sociomedical vocational therapy module.

Method: A total of 179 patients participated in 21 “vocational perspective” seminars within the scope of a controlled quasi-experimental trial. In the experimental group the data on acceptance of the treatment was assessed by questionnaire at the end of the intervention. Experiences with implementation of the programme are described in order to complete the patient-related perspective.

Results: The identification of a demand for work-related interventions in medical rehabilitation seemed successful: Sociodemographic and socioeconomical parameters of the sample proved high risk in view of the social-medical perspective (poor education, high unemployment rates and long-term sick leave). Self-estimations revealed high suffering of the participants, e. g. due to the occupational situation, anxiety and depression, and confirmed high interest in work-related issues. The patients showed quite high acceptance of the programme (regarding importance of seminar, comprehensibility, usefulness of information, atmosphere of the group, mode and extent of the programme). 82.7% of the participants would recommend the programme to other people with work-related problems. Altogether, the experiences during the implementation of the programme can be described as positive. Nevertheless, organizing took much effort and the treatment was very demanding for the therapists. Finally, it is also necessary that the physicians agree to realize high transparency in the process of sociomedical assessment.

Conclusion: The sociomedical programme “Vocational Perspective” helps patients to deal with relevant information referring to social system and occupational reintegration. Problematical sociomedical issues can be handled in a therapeutic way during rehabilitation process. Therefore, the programme can be used as meaningful supplement in regular medical rehabilitation. For final conclusions, the results of short-term and follow-up evaluations described elsewhere have to be considered.

Literatur

1 Die Begriffe Behandlungsprogramm, Intervention, Seminar und Schulung werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

Korrespondenzadresse

Monika Dorn

Rehazentrum Bad Eilsen

Brunnenpromenade 2

31707 Bad Eilsen

Email: monika.dorn@rehazentrum-bad-eilsen.de

    >